#53 Hochsensibilität verstehen lernen

Shownotes

Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel. Weil Hochsensibilität jedoch keine offizielle medizinische Diagnose ist, können viele ihre eigene Wahrnehmung lange nicht richtig einordnen. In dieser Folge spricht Martin mit der Psychologin Dr. Anne Christina Mess, die selbst hochsensibel ist. Sie erklärt, wie sich die Welt für hochsensible Menschen anfühlen kann, wo Belastungen entstehen und welche Stärken mit dieser feinen Wahrnehmung verbunden sein können. Anschließend trifft Martin Sabrina Betz, die ebenfalls hochsensibel ist und als Coach mit hochsensiblen Menschen arbeitet. Sie teilt ihre persönliche Geschichte, gibt Einblicke in ihren Alltag und spricht darüber, was sie sich von ihrem Umfeld wünscht.

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Links zum Thema: Weitere Informationen zu Dr. Anne Christina Mess: https://www.acmess.de/

Hier gibt es Informationen zu Sabrina Betz und ihrer Arbeit: https://www.selbstbestimmthochsensibel.de/

Weitere spannende Artikel zu Hochsensibilität haben wir hier für euch aufgelistet:

Studienlage zur Hochsensibilität/HSP (highly sensitive person): https://www.gen-psych.ruhr-uni-bochum.de/gepsy/mam/content/hochsensibilitaet_2021_final.pdf https://www.aurum-cordis.de/forschungsstand-hochsensibilitaet

Buchempfehlungen zu Hochsensibilität:

  • Sind sie hochsensibel? Ein praktisches Handbuch für hochsensible Menschen – Elaine N. Aron
  • Wenn dir ALLES unter die Haut geht – Das Überlebenshandbuch für Empathen und Hochsensible – Judith Orloff
  • Bis hierher und nicht weiter – Wie sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für dich sorgen – Rolf Sellin

Transkript anzeigen

Intro: Unterwegs für die Gesundheit. GESUNDNAH – der Podcast der AOK Baden-Württemberg.

Martin Hoffmann: Ein guter Freund hat mir neulich erzählt, dass er hochsensibel sei. Ich konnte damit nichts anfangen. Hochsensibilität, den Begriff, den hatte ich so noch nicht gehört. Mein Freund ist seit Längerem in Therapie, dabei geht's um Depressionen. Als er diese, ich nenn's mal, laienhaft, Diagnose hochsansibilität bekommen hat, ergab für ihn auf einmal viel Sinn. Nach dem Gespräch habe ich angefangen zu recherchieren und ich habe gelesen, dass Hochsensibilität ein vererbbares Persönlichkeitsmerkmal ist. Die betroffenen Menschen nehmen Reize stärker wahr und verarbeiten Eindrücke sehr viel intensiver als andere. Hochsensibilität ist wirklich verbreitet, also 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Typisch ist eine große Emotionalität, eine hohe Empathie und ein intensives Erleben. Auf der anderen Seite stehen eine schnelle Überreizung und ein verstärkter Drang, sich zurückziehen zu wollen. Je nach Umfeld kann das die Menschen belasten, aber auch stärken. Ich bin Martin Hoffmann und heute möchte ich herausfinden, wie es sich anfühlt, hochsensibel zu sein. Welche Alltagssituationen können zu einer Reizüberflutung führen und wie schaffen es Betroffene, ihre Emotionen besser zu steuern? Ich selbst kratze noch total an der Oberfläche, denn so richtig verstanden habe ich das alles noch nicht. Ich hoffe, Dr. Christina Mess kann mir da weiterhelfen. Sie ist psychologische Psychotherapeutin und befasst sich in ihrem Job schon seit längerem mit Hochsensibilität. Außerdem ist sie auch selbst persönlich betroffen. Im Anschluss treffe ich mich mit Sabrina Betz. Wie Frau Dr. Mess ist auch sie hochsensibel und wie auch sie widmet sie sich beruflich diesem Thema. Als Coach für Hochsensible hilft sie Betroffenen, mit ihrem Alltag besser klarzukommen. So, ich bin jetzt in Leonberg in der Neuköllner Straße 7, im 13. Stock. Aufzug hat zum Glück funktioniert und hier ist die Praxis von Frau Doktor Mess. Ich muss mal kurz gucken. Klingel ist hier.

Dr. Anne Christina Mess: Hallo, Herr Hoffmann! Schön, dass Sie da sind!

Martin Hoffmann: Hallo Frau Dr. Mess.

Dr. Anne Christina Mess: Kommen Sie rein, fühlen Sie sich wie zu Hause, hinten links ist das Sprechzimmer, ich folge Ihnen unauffällig.

Martin Hoffmann: Frau Dr. Mess, ich habe jetzt viel über Hochsensibilität gelesen. Ich verstehe noch nicht so ganz genau, was es ist und warum es vor allem auch nicht als Störung zu verstehen ist. Warum ist das so?

Dr. Anne Christina Mess: Das ist sozusagen eine Andersartigkeit, aber keine Krankheit. Früher sprach man von Krankheit, die Stigmatisierung hat man ja rausgenommen in Richtung Störung. Und eine Störung hat aber trotzdem ja immer noch so was, da ist was nicht in Ordnung. Und Hochsensibilität ist keine Störung, es ist nur anders. Und die hochsensiblen Menschen haben nicht grundsätzlich andere Probleme, sondern Sie haben sie vielleicht ein bisschen früher sozusagen, weil sie ein ganz anderes Filtersystem haben. Sie nehmen viel mehr wahr und sie reagieren früher auf Lärm oder sie reagiert früher auf zu viele Leute hier oder auf Geräusche und so weiter. Das ist ja nichts, was der nicht hochsensible Mensch nicht auch könnte. Das heißt, es ist ein, wenn man so will ein Extrem ausgehend von einer Norm, was auch immer eine Norm sei. Und es ist keine Störung, keine Krankheit. Aber gerade in meiner Klientel höre ich immer wieder, also ich fühle mich wie ein Behinderter. Und dann geht es tatsächlich auch darum, das rauszubekommen aus dem Selbstbild, also das abzubauen, ich bin behindert. Es geht häufig bei hochsensiblen Menschen rum, das Leben ein bisschen anders zu gestalten. Aber nicht wie zum Beispiel bei einem Menschen, der im Rollstuhl sitzt. Das wird nicht wieder, das üblicherweise oder nach einem Unfall dann schon. Aber da muss man dann wirklich ganz, ganz, viel umbauen. Und bei Hochsensiblen geht es darum, so den Alltag einfach von dem, wie man ihn wahrnimmt, anders zu gestalten. Also es ist nichts, dass es im Äußeren geändert werden muss, wie bei den behindertgerechten Wohnungen zum Beispiel. Sondern es ist mehr so, wie verhalte ich mich in dem, was nach wie vor so ist und auch so bleibt.

Martin Hoffmann: Also ein Filtersystem und ich habe gelesen, also man nimmt Reize einfach deutlich stärker wahr und diese Eindrücke werden auch nochmal anders verarbeitet.

Dr. Anne Christina Mess: Genau, also es ist zum Beispiel so, gestern hatte ich jemanden hier, die sagte, oh, ich war auf zwei Feiern eingeladen, eine am Freitag, eine am Samstag. Das war viel zu viel und ich habe das da gar nicht ausgehalten. Dann habe ich mal nachgefragt, ja, was war denn da so belastend? Ja, also zu viele Leute. Das wird anders wahrgenommen, das wird intensiver wahrgenommen. Hochsensible Menschen, nicht alle, aber viele spüren auch die Stimmung des Gegenübers, spüren, wie es dem anderen geht und haben insofern sozusagen viel mehr Input und das kann man sich vorstellen wie zum Beispiel bei einer Streichholzschachtel, wenn man da immer Streichhölzer reinschiebt, irgendwann geht die nicht mehr zu und dann kommen vielleicht auf der anderen Seite schon wieder welche raus und unser Gehirn ist dann wie überfrachtet oder wie ein Einkaufswagen, der zu voll ist, das fällt dann da raus und das kann dann bis hin zu Panik gehen. Und diese Patientin gestern sagte dann auch, also bei der zweiten Feier bin ich nach einer Stunde gegangen. Ich habe das nicht mehr ausgehalten. Und dann war da auch noch ein Gespräch, was sie sehr belastet hat, wo sie gesagt hat, das hat mich so gestresst. Und dann noch diese vielen Gerüche vom Essen her und dann noch irgendwelches Licht, was da war, was sie geblendet hat. Also auch auf diesen normalen Wahrnehmungskanälen, wenn man so will, in unseren Sinnen, ist einfach eine intensivere... ja, Leistung zu vollbringen, letzten Endes, denn alles, was wir wahrnehmen, muss das Gehirn ja verarbeiten können.

Martin Hoffmann: Um welche Reize geht es denn da konkret? Also ich habe jetzt gerade Lärm angesprochen, dann Gerüche, viele Menschen, also auch Reize, optische, akustische.

Dr. Anne Christina Mess: Also im Grunde sämtliche Sinne, die wir haben, also auch taktil, also vom Anfassen her, es gibt hochsensible Menschen, die vertragen keine Wolle. Und die kratzen sich, die sind nicht in dem Sinne allergisch, aber die mögen das auf der Haut nicht und können dann keine Wollen tragen zum Beispiel. Auch über den Kanal kann es schwierig sein und es ist von Fall zu Fall, wenn man so will auch unterschiedlich, weil manche Hochsensible auch sagen, das grelle Licht stört mich nicht. Aber es gibt hochsensible Menschen, die gehen im Sommer immer mit der Sonnenbrille raus, weil sie sagen, es ist mir zu grell. Und dann würde der Augenarzt nicht sagen, da ist was nicht in Ordnung, sondern das ist dann bei so jemandem einfach so, dass der auf Licht sehr stark reagiert. Bei mir ist es zum Beispiel so, ich reagiere auf Geräusche sehr stark. Also ich muss aufpassen, dass es nicht zu laut wird. Und bin da dann sehr angespannt, also ich habe sehr spät rausgefunden, dass ich auch zu dieser Gruppe gehöre und konnte dann rückblickend mein Leben auch viel besser verstehen.

Martin Hoffmann: Wie ist es denn eigentlich, wenn ich mich dann diesen Reizen entziehe? Ist das dann so eine Spirale, die dann sich nach unten dreht? Also ich stelle mir das jetzt so vor, ich konfrontiere mich nicht mehr mit einer Situation, zum Beispiel jetzt Helligkeit, das Beispiel, das Sie gerade gesagt haben, Sonnenbrille. Das heißt, ich gehe eher immer im Schatten oder eher bei Dunkelheit. Ist das denn mein neues, in Anführungszeichen, Normal und etwas Licht kann mich dann auch schon wieder überreizen?

Dr. Anne Christina Mess: Ja, also dafür bin ich zu wenig augenkundlich bewandert natürlich, was das dann mit den Augen machen würde tatsächlich. Aber es ist immer wieder wichtig zu gucken, was ist denn zu viel und wo muss ich gerade was zurücknehmen. Man sollte natürlich aufpassen, dass man sich auch nicht sozial völlig isoliert. Und es gibt hochsensible Menschen, die verabreden sich fürs Wochenende, freuen sich auf die Verabredungen und Freitagabend kommen die nach Hause, gucken in ihren Kalender und hauen erst mal drei WhatsApps raus und sagen darüber die ganzen Verabredungen wieder ab, weil es alles zu viel ist. Und dann ist es natürlich wichtig zu gucken, okay, jetzt fahre ich ganz runter, Wochenende Ruhe für mich und was möchte ich denn noch mit reinnehmen? Und dann es auf jeden Fall hilfreich, raus in die Natur zu gehen und ein bisschen aufzutanken über Natur und Wald und sowas und sich auch wieder... Ja, gezielt diesen Reizen zu stellen, denn sie gehören zu unserer Welt. Und wir können sie nicht abschaffen und man kann sich nicht allem entziehen. Und dann kann tatsächlich passieren, wenn man nie mehr irgendwo hingeht, wo es laut ist oder nie mehr irgendwo einkaufen geht, wo viele Leute sind, dass man dann immer empfindlicher wird. Und das macht die Sache natürlich schwierig.

Martin Hoffmann: Und dass man sich dann auch irgendwie isoliert.

Dr. Anne Christina Mess: Richtig, richtig. Und das ist sicher ein anderes Ruhebedürfnis oder ein anderes Bedürfnis bei hochsensiblen Menschen nach Ruhe und Rückzug. Aber nicht alle hochsensible Menschen sind zum Beispiel introvertiert. Es gibt extrovertierte, hochsensible Menschen. Und insofern ist es auch wichtig, dass diese Menschen immer wieder unter Leute kommen und überlegen aber dann auch, mit wem möchte ich mich unterhalten? Denn die meisten Hochsensiblen, nicht alle, sind, ich sage mal in Anführungsstrichen allergisch gegen Smalltalk. Und insofern ist es da auch wichtig, dass hochsensible Menschen gucken, mit wem möchte ich mich treffen. Also es geht um Achtsamkeit, es geht darum aufzupassen, was mache ich denn hier, wie gehe ich mit mir um. Und im Grunde das, was jeder Mensch machen sollte, nämlich sein bester Freund sein, seine beste Freundin.

Martin Hoffmann: Jetzt die Frage, ich habe gerade gesagt, so nennen wir es mal diagnostizieren. Wie kann man das denn eigentlich machen und wer macht das und wie seriös ist das?

Dr. Anne Christina Mess: Ja, also meines Wissens gibt es noch keine wissenschaftlich validierten Tests dazu. Man sagt ja so schnell, das kann man mal testen und meint dann so in der Zeitschrift den Brigitte-Ankreuz-Test. Also ich habe in meiner Promotion über Testverfahren mich weit informieren müssen und insofern bin ich da so ein bisschen kritisch mit diesem Begriff Test. Aber es gibt tatsächlich auch in Büchern von der Elaine Aron so Selbstanreuztests und dann sagt sie, wenn man so und so viele Punkte hat, dann ist man hochsensibel oder sonst, ich weiß nicht, wie viele Kategorien sie hat. Das ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, um mal eine Idee zu kriegen, was ist denn mit mir. Denn normalerweise merken die hochsensiblen Menschen, mit mir ist irgendwas nicht richtig. Und weil sie ja auch oft sehr tiefgründig denken und sehr viel Interesse daran haben, die Welt und sich zu verstehen. Fangen sie dann an, sich in Frage zu stellen. Und das ist natürlich genau der falsche Weg, wenn man das werten will. Und ich selber habe jetzt was entwickelt, aber auch noch nicht wissenschaftlich validiert. Ich habe eingeteilt in fünf Kategorien und so ganz, ganz schnell einfach mal pro Kategorie ein paar Fragen, und dann kann man entweder nur für die Kategorie gucken, immer fünf Fragen pro, und kriegt dann schon mal eine Idee oder man kann auch alle 25 Fragen ausfüllen und dann kriegt man Gesamtwert aber auch für jede Kategorie. Das eine ist, wie fühle ich mich, wie gehe ich so in der Welt um? Was ist mit mir? Das nächste ist, wie gehe mit anderen um? Das dritte ist, wie bin ich im Arbeitsleben? Denn auch das ist für Hochsensible oft ein Riesenthema. Der rauschende Computer kann schon zu viel sein, weil es so ein Tag aus, Tag ein von morgens bis abends Grundrauschen ist. Das kann Leute verrückt machen, dann werden sie krank. Und da sollten auch Arbeitnehmer und Unternehmen einfach informiert sein, dass vielleicht andere Arbeitsbedingungen für einen hochsensiblen Menschen gut sind. Deshalb habe ich diese Kategorie mit reingenommen. Plus eine Kategorie, wie gehe ich denn mit Tieren um? Was bedeuten Tiere für mich? Das ist oft was ganz Wichtiges für hochsensible Menschen. Und die nächste, letzte Kategorie ist der Bereich Sport. Denn auch Sport ist für hoch sensible Menschen wichtig. Aber manche halten es im Fitnessstudio nicht aus, weil da diese Musik so rappelt und weil die Musik dann vielleicht auch nicht den eigenen Geschmack trifft und so weiter.

Martin Hoffmann: Ich würde gerne noch mal auf diesen Punkt kommen. Wann, also wo endet normaler Stress? Und wann geht diese Überreizung, diese Hochsensibilität los?

Dr. Anne Christina Mess: Wir haben ja zu Anfang auch darüber gesprochen, dass es nicht grundsätzlich was anderes ist, was die Hochsensiblen haben, sondern dass es etwas ist, was auch ein nicht hochsensibler Mensch vielleicht erst an einem späteren Punkt dann so erleben kann. Und bei Stress ist es ja immer so, dass eine ganze Menge zusammenkommen muss, damit man den Stress überhaupt empfindet. Also grundsächlich ist der Mensch ja auch stressresistent bis zu einem gewissen Ausmaß, was gut ist, denn wenn er es nicht wäre, dann würde er nicht lange überleben. Dieses Phänomen, es ist mir zu viel auf der Party, kennen sicher ganz, ganz viele Leute. Und bei einem hochsensiblen Menschen kann einfach sein, dass der vorher schon keine Lust hat, auf die Party zu gehen, weil er genau weiß, wie er sich für seine Norm normalerweise dort fühlt. Und der nicht Hochsensible geht vielleicht andersrum, normalerweise gern, also für seine Normalität gern zur Party, aber merkt dann, ach nee, heute ist mir ein bisschen viel.

Martin Hoffmann: Ab wann wird denn dieses, ich nenne es jetzt mal Label, hochsensibel, problematisch? Also ist es dann, wenn Leute versuchen wirklich alles darüber zu erklären oder?

Dr. Anne Christina Mess: Ja, das ist eine Möglichkeit natürlich, dass man sich so ein bisschen dahinter versteckt und sagt, da kann ich nicht, das kann ich, das will ich nicht. Das geht nicht, ich bin zu hochsensibel. Aber was ich eher beobachte bei Menschen, die tatsächlich hochsensible sind, dass sie sich überfordern. Dass sie so sein wollen wie die anderen. Ja, denn die Norm, wir haben ja gesagt, 10 bis 20 Prozent sind hochsensibel, entsprechend sind 80 bis 90 Prozent nicht hochsеnsibel. Die Norm gibt ja sozusagen den Takt vor. Und solange ein hochsensibler Mensch nicht weiß, was mit ihm ist, dass er sozusagen ganz normal anders ist, versucht er immer zu sein wie die Masse und immer zu sein, wie die Schulklasse so standardmäßig ist und so weiter. Und darüber kann die Überforderung entstehen. Und wenn dann z.B. von einem Schulkind die Eltern auch nicht wissen, was mit dem Kind ist, dann sagen sie so was wie, na, stell dich nicht so an, andere müssen da auch hin und da musst du jetzt durch und hast du doch neulich auch gemacht und so weiter. Und das Zauberwort ist, glaube ich, zunächst mal das Erkennen. Oder wenn jemand drumherum ist, der so eine Vermutung hat, also das im ersten Schritt. Und dann mal hingucken, vielleicht auch ein Fachmann fragen, eine Fachfrau, du könnte es sein das. Und ich habe hier in der Klientel auch häufig, dass es Eltern sind, die sagen, also mein Kind ist hochsensibel, das haben wir jetzt rausgefunden. Und dann gucke ich die so an. Und dann dauert es einen Moment, und dann sagen sie, ja, ich glaube, ich bin das auch. Und diese Erkenntnis, da fällt oft ein Stein auch von der Seele. Und dann zu gucken, und was brauche ich in meinem Leben, damit es mir gut geht, und zu lernen, das auch nach außen zu vertreten, das sind im Grunde so, wenn man so will, die Zauberworte, die Zauberschritte, damit's einem selber besser geht. Also dieses Sich erden ist so wichtig, weil die Welt so wild geworden ist. Und vielleicht auch gucken, wie sind denn meine Arbeitsverhältnisse? Oder meine Arbeitsbedingungen oder meine Woche insgesamt. Und dann zu sagen, nee, das mache ich jetzt nicht, sondern ich setze mich jetzt hin und mache Yoga oder meditiere oder gucke auch mal in Kerzenlicht. Also es klingt ein bisschen banal, aber wirklich in eine Flamme zu gucken, kann einen auch wieder runterholen.

Martin Hoffmann: Was kann denn passieren, wenn eben dieser Fall eintritt, dass man sich immer wieder überfordert, immer wieder in diese Situation reingeht, obwohl man sich eigentlich rausziehen sollte? Ich denke an ganz viele Überreizungen. Was passiert denn dann mit mir?

Dr. Anne Christina Mess: Also das ist auf jeden Fall mal etwas, was stresst. Und die WHO hat gerade eine Zahl rausgegeben. 80 Prozent aller Krankheiten, psychischer und auch körperlicher, gehen auf Stress zurück. Das heißt, da zahle ich auf mein Stresskonto ein und welche Krankheit dann entsteht oder sich bemerkbar macht, manches kann man dann ja auch noch abwenden. Das hängt von vielen Faktoren ab. Aber auf jeden Fall ist es nicht gut. Und es kann auch sein, dass jemand... das ist auch ein bisschen eine naturelle Frage... also ich kenne das von mir auch. Dann knalle ich mal eine Tür zu, weil es mir alles zu viel ist. Und ich überlege aber vorher, was mache ich da? Und es gibt natürlich auch Leute, die dann in ihrer ... Neben Stress in ihrer Verzweiflung irgendwas machen, was sie hinterher bedauern. Also dass sie den Partner anbrüllen oder dass sie ein Glas Rotwein an die Wand schmeißen und hinterher den Fleck an der Wand haben. Einfach aus VerzWeiflung. Und ich denke, wenn sowas passiert, dann kann man auch gucken, was ist denn gerade mit mir und wo kann ich selber dazu beitragen, dass es ein bisschen reizärmer wird.

Martin Hoffmann: Für mich klingt das so ein bisschen dieses, man muss sich immer zurücknehmen, man muss sich so rausziehen und ein bisschen mehr gucken, dass man, dass man bei sich selbst bleibt, so ein bisschen. Wenn man das mal umdreht, gibt es, oder nicht ganz umdreht, aber welche, welche Stärken bringt denn Hochsensibilität auch mit? Also ich sage es mal, welche, welche Skills, welche Eigenschaften haben die denn, die dann 80 bis 90 Prozent der anderen nicht haben?

Dr. Anne Christina Mess: Ja, also finde ich schön, dass Sie das fragen, denn genau das ist auch da. Durch diese feinere Wahrnehmung, wenn man so will, oder sensiblere Wahrnehmung nehmen die Menschen natürlich auch mehr wahr. Was ist da Schönes oder welche Grüntöne sind da hinten im Wald oder es duftet ja schon nach und dann kommen irgendwelche Pflanzen zum Beispiel oder? Sie nehmen viel differenzierter wahr, wie der Wald sich verändert. Also dann im Frühjahr, wenn so die ersten Knospen kommen und so weiter. Also oft sind Künstler auch hochsensibel. Und das ist dann ja auch etwas, wovon alle profitieren können. Wenn man Kunst mag oder eine bestimmte Kunstrichtung, das ist etwas. Und manchmal ist es auch so, dass ein hochsensible eher spürt. Hier ist eine Spannung im Raum zum Beispiel, also eine zwischenmenschliche. Wenn er es gelernt hat es anzusprechen, dass dann auch anspricht und darüber eskaliert etwas auch nicht. Und die nicht hochsensiblen haben es vielleicht noch gar nicht so gemerkt. Also diese ganzen Dinge, über die wir vorhin gesprochen haben, wo hochsensible auf sich aufpassen müssen, sind natürlich auch etwas, was allen zugute kommen kann, weil die es einfach früher spüren.

Martin Hoffmann: Das heißt auch als Psychotherapeutin jetzt haben Sie natürlich dann dafür vielleicht auch noch mal so ein anderes Gespür.

Dr. Anne Christina Mess: Ja, genau. Also ich hab bis auf, dass ich schon im ersten Gespräch merke, derjenige ist hochsensibel und wenn ich die Leute dann anspreche, ich sag dann nicht, oh sind sie hochsensible, wäre ein bisschen plump, aber ich frag dann so, wie ist es für sie in der Situation und in der und was machen sie da und dann kommen die Antworten meistens so, dass sich sagen kann, haben sie sich schon mal mit dem Thema Hochsensibilität beschäftigt. Und viele sind dann sehr dankbar, weil sie es tatsächlich gemacht haben, aber sich auch nicht so in so eine Kategorie tun wollen, aus welchen Gründen auch immer.

Martin Hoffmann: Welche Strategien geben Sie dann Ihren Klientinnen und Klienten mit, wenn Sie darauf aufmerksam gemacht haben?

Dr. Anne Christina Mess: Also ich gucke mit denen, was sind deren Ressourcen? Wie können die sich erholen? Es gibt zum Beispiel Patienten, die gehen dann in den Wald, lehnen sich an einen Baum an und spüren die Energie vom Baum. Jeder Baum hat ja eine Energie, also jeder Lebendige. Und das gibt ihnen Kraft. Oder ich frage sie, wie ihr Morgen aussieht. Springen die aus dem Bett um fünf vor sieben und um fünf und halb acht müssen sie aus dem Haus? Oder haben die morgens ein bisschen Zeit, was für sich zu machen? Das kann beten sein, das kann meditieren sein. Wie ist der Start in den Tag zum Beispiel? Oder muss es alles abgearbeitet werden an dem Tag? Oder kann man zwischendurch auch sagen, nö, jetzt mach ich erst mal eine Pause.

Martin Hoffmann: Was kann oder was sollte denn das soziale Umfeld machen, wenn ich jetzt weiß, zum Beispiel jetzt in meinem Fall, ein guter Freund, der ist einfach hochsensibel. Wie kann ich mich denn anpassen, dass es, ich sage es mal, dass es für beide, aber jetzt nicht nur ich, das komplette Umfeld ein bisschen, ich nenne es mal sensibler ist vielleicht auch.

Dr. Anne Christina Mess: Ja, also wenn es sozusagen bekannt ist, dann kann man ja auch ausmachen, beide sagen, was sie wollen und beide sagen was sie nicht wollen und damit kann man einfach ganz viel Transparenz und ganz viel Harmonie auch reinbringen, ne? Also, wenn das jetzt jemand ist, zum Beispiel, mal so rein theoretisch, bei dem es ihnen passieren kann, dass der einen Abend vorher noch absagt, weil es ihm alles zu viel ist, Dann können Sie entscheiden, ob es für Sie okay ist, dass er das bei Ihnen darf. Oder sie sagen, du, wenn wir uns verabreden, möchte ich, dass es auch stattfindet. Dann kann der wiederum sagen, oh, kann ich nicht garantieren oder okay, weil du es bist, du bist mir wichtig, dann ziehen wir das durch. Aber es kann sein, wenn dann was zusammen unternehmen, dass ich ein bisschen stiller werde, weil ich erst mal alles verarbeiten muss. Wichtig ist, denke ich, an der Stelle wie mit allem, wo jemand anders ist, als man selbst, egal in welchem Bereich, es ansprechen, wenn es ein Vertrauensverhältnis gibt und dann darüber auch offen reden, wie es gerade ist.

Martin Hoffmann: Ich habe in der Recherche viel gelesen, dass Tiere eine besondere Rolle für hochsensible Menschen spielen. Warum ist das so? Welche Rolle spielen die Tiere?

Dr. Anne Christina Mess: Die Tiere spüren, wie es uns geht. Das heißt, die Tiere sind schon mal von ihrem, wenn man so will, Antennensystem her anders und spülen, wie's uns geht, ich hab hier auch immer wieder eben, mein Hund ist mit in der Praxis, wenn es Patienten nicht gut geht, der Hund ist an sich oft gar nicht im Sprechzimmer, der ist im Büro oder macht, was er will hier und der kommt aber an, wenn's einem Patienten nicht geht und spürt das. Kann ja die Worte nicht verstehen, aber er spürt es. Und das ist natürlich zwischen Besitzer und Hund noch viel stärker ausgeprägt. Das heißt, ich muss mich nicht erklären. Ich muss nicht sagen, ich habe gerade schlechte Laune. Ich muss ich sagen, ich bin gar traurig, mein Hund spür das. Und das es was, was ganz, ganz gut tut. Und das andere ist, über das Streicheln des Hundes wird Oxytocin freigesetzt. Oxytotin ist das Kuschelhormon. Das heißt, darüber kriege ich auch gute Gefühle. Das ist kein Missbrauch. Das ist einfach für den Hund ja auch gut. Und dann tun wir uns da auch gegenseitig was Gutes über diesen Körperkontakt. Und Hunde lieben bedingungslos. Da muss ich nicht in Vorleistung gehen. Da muss mich nicht erklären. Da muss sich nicht dies und nicht jenes, sondern Hunde lieben Bedingungslos und Pferde spüren auch, wie es einem geht und spüren die eigenen Gefühlen und spiegeln das.

Martin Hoffmann: Ich kann auf jeden Fall sehr bestätigen, ich habe Ihren Hund vorhin auch direkt gestreichelt, ging mir direkt besser. Also das kann ich direkt sagen. Vielleicht vielleicht noch mal zum Abschluss kurz. Wenn Leute, Klienten, Klientinnen von Ihrer Seite, wenn die jetzt gerade ganz neu erfahren, ok, ich bin hochsensibel, welchen Rat geben sie denen so als als allererstes?

Dr. Anne Christina Mess: Also das eine, nehmen Sie das ernst und das andere, es ist keine Krankheit, es ist auch keine Störung, es auch keine Diagnose. Es ist einfach ein Anderssein, so wie der eine Mensch introvertiert ist, der andere extrovertiert und so weiter. Und ich sage immer dazu, ich bin dafür da, Sie zu begleiten, dass Sie Ihr Leben so anpassen, dass es Ihnen damit gut geht und dass Sie auch verständlich bleiben oder vielleicht erst mal werden für andere Menschen. Ja, also dass es darum geht, sich wohlzufühlen in sich und in seinem Leben, in dem erst mal die Selbstakzeptanz da ist.

Martin Hoffmann: Und ich habe rausgehört, es muss nicht unbedingt als Schwäche wahrgenommen werden, sondern man kann es auch sehr als Stärke für sich.

Dr. Anne Christina Mess: Es ist eine Stärke und dann mal rauszuarbeiten, was sind denn die expliziten Stärken in meiner Art von Hochsensibilität, denn wir haben ja vorhin auch drüber gesprochen, jeder Hochsensible ist auch wieder anders als der nächste Hochs sensible und da sind wahre Schätze in einem, da ist sozusagen eine Schatztruhe an Ressourcen und für einen selbst und auch für die anderen Menschen.

Martin Hoffmann: Frau Dr. Mess, vielen Dank. Ich glaube, ich habe jetzt ein klareres Bild von Hochsensibilität. Dankeschön.

Dr. Anne Christina Mess: Ich denke auch, hat mir viel Spaß gemacht und ist mir auch ein großes, großes Anliegen, darüber zu informieren und damit Menschen auch Gutes zu tun.

Martin Hoffmann: Danke schön.

Martin Hoffmann: Das war wirklich ein sehr spannendes Gespräch gerade mit Frau Dr. Mess und ich glaube, ich habe jetzt ein besseres Verständnis, was Hochsensibilität eigentlich wirklich ist und wie Betroffene oder welche Herausforderungen Betroffenen ja am Alltag meistern müssen. Jetzt mache ich mich auf den Weg nach Stuttgart zu Sabrina Betz. Sie ist ebenfalls hochsensibel und wir haben im Vorfeld telefoniert und da hat sie mir erzählt, dass sie lange Zeit das Gefühl hatte, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Irgendwann ist sie dann über den Begriff Hochsensibilität gestolpert und nachdem sie sich damit etwas beschäftigt hatte, da konnte sie ihre Gefühle viel besser einordnen. Und das hat mich total an meinen Freund erinnert. Das kommt anscheinend häufiger vor als gedacht und ich bin jetzt mal wirklich gespannt auf das Gespräch. So, ich bin jetzt im Stuttgarter Süden in der Kottastraße 37 und hier bin ich mit Frau Betz verabredet. Hier ist ihre Praxis. Wir können einfach mal ganz kurz reingehen. Ich glaube, das ist direkt hier im Erdgeschoss. So, hier klingel, klingel. Da ist die Klingel.

Sabrina Betz: Hallo, hereinspaziert.

Martin Hoffmann: Hallo Frau Betz.

Sabrina Betz: Haben Sie es gleich gefunden?

Martin Hoffmann: Ja, war super. Frau Betz, wann haben Sie denn zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass Sie Dinge, dass Sie Situationen irgendwie intensiver wahrnehmen als andere vielleicht?

Sabrina Betz: Wann ich das wahrgenommen habe? Ich glaube, vieles ist mir erst rückblickend klar geworden. Also ich würde jetzt nicht sagen, dass mir schon als junger Mensch irgendwie klar war, es ist intensiver oder es ist mehr oder so, sondern rückblickend würde ich sagen, es war eigentlich immer schon dieses Gefühl da und irgendwie immer dieses Gefühl davon, es ist zu viel, es ist mehr, es intensiver als bei anderen. Aber gewusst hatte ich das erst, nachdem ich mit dem Thema in Berührung kam.

Martin Hoffmann: Können Sie uns mal so mitnehmen in so einer Situation, also die rückblickend dann auf einmal Sinn gemacht hat.

Sabrina Betz: Also, was ich, glaub ich, am intensivsten noch erinnere, sind Situationen, die eben überfordernd waren. Da war's einfach häufig so, dass die Vielfalt der Reize, die Vielfalt an Lautstärke, an Menschen, an Emotionen, an Geräuschen, Gerüchen, einfach alles irgendwann zu viel war. Ich erinnert mich oft, dass ich als Kind oder Jugendliche mich zurückgezogen hab. Ich war auf einer Feier, ich wollte dabei sein, ich war mit Freunden in der Disco oder irgendwas unternommen, wo viele Menschen viel Situation war, und wo es irgendwann immer so diesen Knackpunkt gab, wo ich wie in einem Automatismus gegangen bin. Entweder vor die Tür oder raus oder in eine Ecke. Das Gefühl hatte, ich bin nicht mehr da, ich kann mit den anderen nicht im Kontakt sein. Mir ist es zu viel, am liebsten würde ich nach Hause gehen.

Martin Hoffmann: Wie fühlt sich das denn ganz konkret an? Ist das so ein Stress oder wie fühlt es sich an, wenn so eine Situation kommt?

Sabrina Betz: Ich glaube, Stress trifft es ganz gut. Auf der Körperebene sehr aktiviert zu sein, Herzklopfen. Das Gefühl, auch der Kopf ist so voll mit Dingen, so voll Eindrücken, dass man nicht mehr Herr der Situation wird. Zumindest in den Momenten damals, wo ich noch nicht einordnen konnte, was es ist und warum es so ist.

Martin Hoffmann: Wie ist es, wenn Sie sich aus so einer Situation nicht rausziehen können? Haben Sie das schon mal erlebt, wenn es einfach keinen Ausweg gibt, was passiert dann mit Ihnen?

Sabrina Betz: Bevor ich es wusste, würde ich sagen, es gab so einen Anteil, ich muss das durchhalten, ich muss es aushalten, das heißt, gute Mine zum bösen Spiel, also im Sinne von lächeln, mitmachen, dabei sein und dafür dann den Preis zahlen, also am nächsten Tag eben wirklich nicht gut gelaunt zu sein oder völlig erschöpft zu sein. Solche Dinge waren gang und gäbe eine ganze Zeit lang.

Martin Hoffmann: Wie ist das Gefühl, wenn man merkt, da ist irgendwas, aber sie haben da keinen Namen dafür. Und das schwingt immer so mit und ist im ganzen Alltag immer dabei.

Sabrina Betz: Man hat immer das Gefühl, anders oder falsch zu sein. Es ist immer dieses, warum kann ich das nicht, warum kriege ich das nicht hin, warum scheint es für alle anderen einfach zu sein, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, Freitagabend. Nur ich bin nach fünf Minuten an dem Punkt, wo ich sage, oh Gott, lass mich wieder nach Hause, ich bin hier in Gefahr, ich will weg hier sozusagen. Das ist irgendwie immer... Man zweifelt irgendwann an sich selber. Man zweifelt an der eigenen Fähigkeit, an den eigenen Ressourcen.

Martin Hoffmann: Jetzt haben Sie gesagt, auf einer Feier sein, Weihnachtsmarkt. Wie hat sich das im Alltag, so ganz alltägliche Situation, ich denke so an Einkaufen und irgendwie so was, wie war so was für Sie, also ein ganz normaler Alltag? Aber jetzt, bevor Sie dafür einen Namen hatten.

Sabrina Betz: Ich glaube, mein Leben bestand viel aus Rückzug damals. Also ich habe viele Situationen gemieden, die für andere im Alltag normal waren. Also auch schon in Schulzeiten oder so, wenn da 30 Kinder in der Klasse waren schon heillos zu viel manchmal. Der Schulhof auf jeden Fall. Mich hat man in irgendeiner Ecke gefunden oder auch nicht gefunden. Und überall da, wo ich es vermeiden konnte, wo ich wusste, unbewusst wusste dass viel auf mich zukommt oder überfordern sein könnte, das habe ich gemieden komplett. Also ich war auch nicht wirklich so viel unterwegs, wie es sich vielleicht gerade angehört hat.

Martin Hoffmann: Wann war die Situation, dass sie aus, da ist irgendwas, ich hab dafür keinen Namen, draufgestoßen sind, das ist, ich bin hochsensibel.

Sabrina Betz: Der genaue Zeitpunkt?

Martin Hoffmann: Wenn Sie den haben, klar.

Sabrina Betz: Hab ich nicht, nee, ich hab tatsächlich drüber nachgedacht in Vorbereitung auf heute, wann war eigentlich dieser Moment, dieser eine Aha-Moment, der so viel in meinem Leben verändert hat, der mein ganzes Leben verändert, ich kann's Ihnen aber gar nicht mehr sagen. Weil so wie das viele Jahre sehr unbewusst gelaufen ist und natürlich immer wieder reflektiert und drüber nachgedacht, ich ganz viel auch gemacht habe, war's irgendwann so, dass ich über ein Buch gestolpert bin. Von Elaine Aron, so die Frau, die sich mit dem Thema auskennt. Wo es um Hochsensibilität ging. Ich habe dieses Buch gelesen, und während ich das erzähle, kriege ich Gänsehaut. Und dachte, das bin ich, das schreibt über mich ein Buch. Warte, Moment, kann es sein, dass mit mir doch nicht alles falsch ist, dass ich einfach nur anders ticke, anders bin? Und dass damit nichts ... Also, ich muss gar nicht sein wie alle anderen. Das hat sich aus dieser einen Sache, aus diesem Buch, aus dieser Erfahrung, hey, Moment es gibt noch andere wie mich, herauszugeben.

Martin Hoffmann: Seit diesem Buch, wie hat sich da dann Ihr Alltag verändert mit dem Wissen, okay, das ist ich, ich bin jetzt gar nicht so viel anders, sondern ich nehme einfach Sachen anders wahr.

Sabrina Betz: Also seit ich mich damit sehr intensiv beschäftigt habe, auf Wissensebene, auf Reflexionsebene, auf vielen Dingen, ist es einfach so, dass ich meine Grenzen und meine Bedürfnisse viel bewusster wahrnehme. Ich mich selber damit auseinandersetze, was ist das Richtige für mich und nicht was ist das richtige für andere. Und dadurch mein Alltag einfach anpasse, schaue, dass meine Grenze sehr deutlich halte und auch kommuniziere und gucke, was brauche ich gerade, wie geht es mir heute, was ist gerade los in meinem Leben.

Martin Hoffmann: Wenn sie dann in so einer Situation sind und sie wissen, okay, das ist meine Grenze. Manchmal muss man ja trotzdem über so eine Grenze rüber. Ich meine, sie müssen auch einkaufen gehen und die machen ja wegen ihnen jetzt deswegen nicht das Gedudel da drin aus oder schicken die Hälfte der Leute raus.

Sabrina Betz: Also ich hab einen ganz großartigen Mann, der geht dann einkaufen an den Tagen, wo ich's nicht kann, tatsächlich. Es gibt mittlerweile übrigens auch Supermärkte, die solche Zeiten einräumen, gerade für neurodiverse Menschen. Und das find ich ganz großartig, dass es solche Möglichkeiten gibt. Aber über die Jahre hinweg, dadurch, dass ich mich besser verstehen gelernt habe und vor allem, dass sich mich akzeptiert habe, so wie ich bin, kann ich heute einfach auch mein Schutzmäntelchen anziehen und einfach auch versuchen. Dinge auszublenden. Es geht nicht immer und nicht sehr gut in manchen Situationen, aber ich kann heute, bin ich auf einem ganz anderen Level einfach unterwegs wie damals. Deswegen kann ich heute auch an den allermeisten Tagen einkaufen gehen.

Martin Hoffmann: Was wünschen Sie sich denn von Ihrem Umfeld?

Sabrina Betz: Akzeptanz. Das Gefühl, dass auch sie mich als das, was ich bin, wie ich bin und wie ich ticke, einfach annehmen. Und dass es okay ist, dass niemand was von mir erwartet, was ich nicht leisten kann und auch nicht leisten muss.

Martin Hoffmann: Es wird oft als Schwäche wahrgenommen, muss aber nicht unbedingt eine Schwäche sein, sondern kann auch eine Stärke sein. Inwiefern sehen Sie denn in Ihrer Hochsensibilität eine Stärkung?

Sabrina Betz: Also, ich finde gar nicht, dass hochsensible Menschen schwach sind, weil das, was ein hochsensibler Mensch im Alltag leistet, ist ein wesentlich mehr und ein viel stärkerer und ein tieferer ... als neurotypische Gehirne als Beispiel. Ich finde, für mich ist meine größte Stärke tatsächlich die Tiefe und die Empathie, die ich habe. Und die Möglichkeit, mich auf Menschen einzulassen und zu spüren und wahrzunehmen, was bei meinem Gegenüber gerade vielleicht los ist, wie ich eine Situation verbessern kann. Ich kann auf eine ganz besondere Art, glaube ich, einfach einem Menschen begegnen mit der Fähigkeit.

Martin Hoffmann: Wenn Sie hochsensiblen Menschen einen Satz noch mal mitgeben könnten. Was heißt könnten? Sie können. So, was würden Sie ihnen mitgeben?

Sabrina Betz: Na ja. So wie du bist, bist du genau richtig. Deswegen find ich's großartig, dass Sie mit dem Podcast da sind und sich diesem Thema widmen. Weil es ist auf der einen Seite schon bekannt, man hat das Gefühl, es ist präsenter, auf der anderen Seite aber noch gar nicht. Es gibt es, und es ist ganz normal, so zu sein, und ganz normal das zu tun, was wir tun, diese Grenzen und Bedürfnisse. Das ist so wichtig, dass es draußen präsent wird und normal wird. Das hinter all dem, was vielleicht schwierig und schwer ist. Trotzdem einen so heller Kern steckt und der es wert ist, wieder hervorzukommen.

Martin Hoffmann: Finde, das ist ein schönes Schlusswort eigentlich. Vielen, vielen Dank.

Sabrina Betz: Ich danke.

Martin Hoffmann: Hochsensibilität ist kein Makel, keine Krankheit und keine Störung. Was bei beiden Gesprächen rauskam, ist, dass Betroffene da eher, ich sage es mal, so eine richtige Superkraft haben. Aber natürlich müssen sie den Umgang mit herausfordernden Situationen lernen und da Strategien entwickeln, wie sich die Reize reduzieren lassen und wie man sich aus diesen Stresssituationen nochmal gesondert rausziehen kann. Wie sieht es denn bei euch aus? Hattet ihr vor dieser Folge schon mal mit Hochsensibilität zu tun? Habt ihr davon schon mal gehört? Oder seid ihr vielleicht sogar selbst betroffen? Und wenn ja, wie geht ihr damit um? Schreibt es gerne mal in die Kommentare und tauscht euch aus. Danke auch noch mal an Sabrina Betz und Frau Doktor Mess für die Links und die weiterführenden Informationen. Findet ihr alles wie immer in den Shownotes. Und übrigens noch mal danke schön für die Themenvorschläge, die wir von euch bekommen. Das sind wirklich sehr, sehr spannende Ideen dabei. Schreibt uns gerne weiter, zum Beispiel über Instagram @gesundnah oder ihr postet direkt hier unter den Podcast in die Kommentare. Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal wieder dabei seid. Ich bin Martin Hoffmann. Wir hören uns.

Outro: GESUNDNAH – der Gesundheits-Podcast der AOK Baden- Württemberg.

Kommentare (3)

Sabine Heinz

Danke für diesen tollen Beitrag!... Ich erkenne mich darin zu 100% wieder! Ich bin dankbar über jeden Tip, wie man sich in unserer oberflächlichen, lauten und schnellebigen Welt besser zurecht finden kann!

Nici

Danke für diesen wunderbaren Podcast. Ich erkenne mich sehr wieder. Es sehr hilfreich für mich das zuverstehen. Und ich arbeite noch an meinen Strategien wie ich meine Überforderung in den Griff bekommen kann.

Betroffene

Danke für diesen Podcast!

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