#50 Hitze als Leistungskiller

Shownotes

Hitzewellen werden häufiger und intensiver – darauf weisen Klimaforschende seit Jahren hin. Gegen Wärme ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wird es jedoch extrem heiß, kann das den Körper stark belasten. Was passiert in unserem Körper bei Hitze? Und wie sehr leidet unsere Leistungsfähigkeit darunter? Um diesen Fragen nachzugehen, reist Martin Hoffmann in den Schwarzwald und spricht mit Prof. Dr. Andreas Matzarakis, Biometeorologe an der Universität Freiburg. Er erklärt, warum Wassermelonen bei Hitze helfen können und was es mit der magischen Zahl 37 auf sich hat. Anschließend fährt Martin nach Stuttgart und spricht mit Hanna Binder, Juristin, Arbeitsrechtlerin und Landesbezirksleiterin bei ver.di Baden-Württemberg. Sie erläutert, welche Rechte Arbeitnehmende bei Hitze haben und welche Pflichten Arbeitgeber erfüllen müssen.

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Links zum Thema: Weitere Informationen zu Prof. Dr. Andreas Matzarakis: https://www.meteo.uni-freiburg.de/de/team/andreas-matzarakis/Andreas-Matzarakis

Weitere Informationen zu Hanna Binder: https://bawue.verdi.de/ueber-uns/++co++27892c74-8fc7-11e2-a81e-52540059119e

Spannende Artikel zum Thema Hitze: https://arbeitsmarkt-und-sozialpolitik.verdi.de/ueber-uns/nachrichten/++co++e2caf5d8-5690-11f0-89cb-79ede9a2e256 https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/schutz-vor-hohen-temperaturen-2198598

Weiterführende Links der AOK zu diesem Thema: https://www.aok.de/mk/bw/gesundegesellschaft/ https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/gehirn-nerven/ratgeber-hitze-tipps-fuer-die-hitzewelle/ https://www.aok.de/pp/bw/pm/hitzewellen/ https://www.aok.de/gp/pflege/hitzeschutz

Zum Anschauen auf dem AOK-Gesundheitskanal: https://www.youtube.com/watch?v=3lz0a2guxbA&t=11s

Transkript anzeigen

Martin Hoffmann: Unterwegs für die Gesundheit, GESUNDNAH, der Podcast der AOK Baden-Württemberg. Ab wann ist es draußen für euch eigentlich zu heiß? Also ich für mich muss sagen: 35 Grad, das ist die absolute Grenze. Danach wird es für mich wirklich schwierig. Wir reden aber jetzt natürlich von Hochsommer und der Möglichkeit, dass ich mich irgendwie abkühlen kann. Ach ja, und kein Sport natürlich und vor allem auch keine körperliche Arbeit, wobei auch geistige Arbeit ab einer gewissen Temperatur echt schwierig wird. Bereits ab einer Raumtemperatur von über 26 Grad gelten in Deutschland Regelungen für den Arbeitsschutz. Auf der Webseite des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit habe ich auch Zahlen gefunden. Hier liegt die Grenze für die Außentemperatur bei der magischen 30 Grad Celsius Marke. Wenn dieser Wert über einen längeren Zeitraum überschritten wird, fühlen sich viele Menschen nicht mehr wohl. Für den Körper sind Hitzewellen nämlich eine extreme Belastung. Im schlimmsten Fall kommt es sogar zu einem lebensgefährlichen Hitzschlag. Ich bin Martin Hoffmann und heute sprechen wir über die Auswirkungen von Hitze. Was machen zu hohe Temperaturen mit unserem Körper, mit der eigenen Leistungsfähigkeit und unserem Wohlbefinden? Und wie steht es bei dem Thema Hitze eigentlich um den Arbeitsschutz? Ihr merkt, das Thema hat wirklich viele Dimensionen, da gibt es einiges zu besprechen. Meine Reise beginnt in Freiburg. Hier bin ich mit Prof. Dr. Andreas Matzarakis verabredet. Er ist Biometeorologe am Lehrstuhl der Umweltmeteorologie an der Universität Freiburg. Er forscht unter anderem zum Thema Hitze und die Auswirkungen auf den Menschen. Den Arbeitsschutz habe ich ja gerade auch schon angesprochen. Hitze ist pure Anstrengung für den Körper. Dadurch sinkt nachgewiesen die Leistungsfähigkeit. Entscheidungen fallen schwer, Aufmerksamkeit und Konzentration leiden. Und dadurch steigt natürlich auch das Risiko für Fehler, Unfälle oder gesundheitliche Probleme. Hanna Binder ist Juristin, Arbeitsrechtlerin und Landesbezirksleitung bei Ver.di Baden-Württemberg. Was Unternehmen beachten müssen und welche Rechte Arbeitnehmende in Sachen Hitzeschutzmaßnahmen haben, darüber will ich mit ihr reden. So, ich bin jetzt in Freiburg angekommen – und wie soll es anders sein? Das Wetter ist natürlich mal wieder hervorragend, so wie man es im schönen Breisgau gewöhnt ist. Sonne, die Temperaturen noch sehr angenehm. Zugegeben: Es ist ja auch noch kein Hochsommer, aber gerade in Südbaden steigen die Temperaturen im Sommer gerne Mal über die 35 Grad Marke. Ich freue mich jetzt sehr auf das Gespräch mit Professor Mazarakis – und er hat gesagt, ich soll einfach hoch in sein Büro kommen. Wertmannstrasse 10, hoch in den zweiten Stock –und viele Büros gibt es ja gar nicht. Das müsste es auf jeden Fall sein. Hallo Andreas, Hallo.

Andreas Matzarakis: Hallo Martin, willkommen in Freiburg.

Martin Hoffmann: Andreas, sag mal, welche Hitze-Trends erwarten uns denn so in den in den nächsten Jahren? Wenn du das so ganz grob mal in die Glaskugel gucken würdest, was kommt da auf uns zu?

Andreas Matzarakis: Klimawandel. Aktuelles Thema natürlich, das wir den Klimawandel jetzt schon erleben, das ist klar. Wir haben seit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre den klaren Beweis, dass natürlich der Mensch hier mit im Spiel ist in Bezug auf die Auswirkungen. Wenn wir das Extrem nehmen, was uns in Zukunft am meisten beschäftigen wird, ist das die Hitze. Und hier sehen wir einen klaren Trend, dass die Hitze öfters vorkommen wird. Wir sehen aber auch den Trend, dass extreme Situationen länger andauern – und sie werden häufiger, länger und intensiver sein.

Martin Hoffmann: Wenn wir jetzt über extreme Hitze sprechen, welche Temperatur ist extreme Hitze bei uns?

Andreas Matzarakis: Es gibt noch keinen klar definierten Wert. Es gibt nur eine magische Temperatur.

Martin Hoffmann: Und die ist wie?

Andreas Matzarakis: Jetzt ist es ein bisschen komisch. Die ist 37.

Martin Hoffmann: 37?

Andreas Matzarakis: Das ist die Kerntemperatur des Menschen. Weil die Prozesse hier, das ist die Stabilitätstemperatur nicht der Erde, sondern des Menschen. Insgesamt würde ich sagen, zu Beginn des Sommers ist es ein bisschen niedriger. Man kann sagen vielleicht 29, 30 Grad – je nachdem. Aber hier muss ich auch betrachten, wie ist die Nacht gewesen? Habe ich mich abgekühlt, habe ich einen erholsamen Schlaf gehabt. Also so einen direkten Wert kann man nicht geben. Auf jeden Fall, wenn die Temperatur, die Lufttemperatur, höher ist als meine Hauttemperatur, dann ist es ein Alarmzeichen.

Martin Hoffmann: Aber total spannend. Also gerade 37 Grad ist ja total einleuchtend.

Andreas Matzarakis: Ja, das ist die Kerntemperatur des Menschen.

Martin Hoffmann: Habe ich gar nicht dran gedacht. Ich hatte jetzt so eine magische Grenze, ich hatte so 40 Grad irgendwie so als dieses ganz krasse quasi nach oben. Und wir hatten ja jetzt in den letzten, wenn man die letzten Sommer anschaut, hatten wir ja immer mal wieder Regionen in Deutschland, die so, ich sag es mal, die 40 angekratzt haben. So ein bisschen.

Andreas Matzarakis: Das ist ein guter Punkt. Und das ist ganz wichtig bei der Hitze. Wenn es länger andauert, kann es natürlich dann sein, dass die Anzahl der Hitzen-Situationen länger zwar andauern, aber weniger sind. Aber trotzdem ist sie da. Von dem her ist es auch ganz wichtig. Die Situation, wenn ich einen Schwellenwert habe und ich sage, bei 30 oder 35 beginnt jetzt eine intensive Hitze – und ich habe 10 Tage vorher mal 34,5, fällt es ja durch in Bezug auf meine Kriterien. Und die Frage ist dann, was passiert nach einer extremen Situation oder nach einer Hitzewelle? Da wird es zwar dann kühler, aber da wird dann die Feuchte relevant. Wenn ich jetzt die Leute frage, unter welchen meteorologischen Faktoren oder welchen extremen Situationen leidet ihr am schlimmsten? Dann kann ich nur sagen, bei 35 Grad, ich fühle mich wohl, wenn es trocken ist, aber bei 29 Grad und wenn es dann feucht ist, da kriege ich keine Luft. Aus dem einfachen Grund: Ich kann das, was ich ausschwitze, nicht verdunsten lassen. Das heißt, wir haben hier ein Konglomerat aus verschiedenen Faktoren, die gleichzeitig wirken. Das ist nicht nur die Lufttemperatur, das ist die Feuchte, das ist aber auch der Wind. Was machen die Leute, wenn es feucht ist bzw. zu warm ist? Die nehmen ein Fächer, die fächern sich Luft zu, damit der Schweiß verdunstet. Und dann kommt natürlich die Beeinflussung durch die Sonnenstrahlen.

Martin Hoffmann: Also es sind viele Faktoren, die mit reinkommen – nicht nur die Temperatur alleine. Ich habe noch eine Frage dazu, weil in der Recherche habe ich mir Hitzeperioden angeschaut, habe gesagt ok, na wie ist es denn, wenn eine sehr hohe Temperatur, ich habe jetzt nur auf Temperatur geschaut, über einen längeren Zeitpunkt einfach herrscht? Und ich fand total spannend, dass das nicht als Naturkatastrophe definiert wird – oder nur bedingt. Und da ist man sich irgendwie nicht so einig. Warum ist das so oder habe ich das falsch verstanden? Ist Hitze eine Naturkatastrophe?

Andreas Matzarakis: Ich sehe es jetzt erst mal positiv, dass Indien Hitze als Naturkatastrophe definiert hat. In Deutschland hat es solche Bestrebungen gegeben, die sind aber gestoppt worden.

Martin Hoffmann: Warum?

Andreas Matzarakis: Da müssen wir die Ministerien fragen, diejenigen, die dafür verantwortlich sind. Die Frage ist, ab wann definiert man das als Naturkatastrophe. Würde ich sagen, wenn wir sehen und wir wissen, wissenschaftlich bewiesen, dass die Mortalität ansteigt, dass es eine Belastung für das System ist, die Straßen brechen zu stark auf, dass man praktisch kein Auto fahren kann. So weit kommt es in Deutschland, hoffe ich nicht, würde ich das als Naturkatastrophe definieren. Ich würde mal sagen, wenn 50 Prozent der Landkreise in Deutschland durch eine Hitzewarnung gewarnt werden, dann sollte man überlegen, ob man das nicht als Naturkatastrophe betrachtet.

Martin Hoffmann: Was passiert denn in dem Körper, wenn es zu heiß wird?

Andreas Matzarakis: Wir sind wieder bei der magischen Zahl 37. Das ist die Stabilitätsgeschichte. Das hat eine tageszeitliche Variation, hat unterschiedliche, würde ich mal sagen, ist unterschiedlich bei Mann und Frau und so weiter. Wenn diese 37 Grad anfangen zu hoch zu werden, kommen wir in einen kritischen Bereich. Und dieser kritische Bereich, jetzt kommt die andere Geschichte. Als ich angefangen habe, mich mit der Thematik zu beschäftigen, habe ich mal, das habe ich auch in meiner Vorlesung drin, und sagte, was ist so ein kritischer Wert? Das ist die 38,3 Kerntemperatur. Wie kann ich da sagen, was passiert da? 38,3 ist schon mal sehr hoch. Das ist schon ein Fieber. Es ist schon eigentlich Fiebern, ja klar. Was passiert als Erstes? Als Erstes kommt dieses „mein Gott, das ist mir zu heiß.“ Was ist das Nächste? Ich vertrage diese Situation nicht. Das dauert jetzt schon seit drei Tagen, ich fühle mich nicht wohl, ich fühle mich schlapp und alles Mögliche. Jetzt kommt die Geschichte: Ich habe schon eine Vorbelastung, gleichgültig ob es chronische Krankheiten sind, kann auch Stress sein, kann auch die Arbeit sein. Kein richtiges Verhalten, dann kommt die nächste Stufe, irgendein Organ kann kollabieren oder kann versagen.

Martin Hoffmann: Gibt es da irgendwie eine Rangfolge, also gibt es irgendwelche Organe, die als erstes wahrscheinlich unter dem Druck zusammenbrechen?

Andreas Matzarakis: Als erstes jetzt mal die Blutzirkulation, praktisch der Kreislauf, dann kommen die anderen: Herz, Lunge, je nachdem wie die Belastung der Menschen ist. Dann kommen auch die anderen Organe. Wie gesagt, ich bin kein Mediziner, das wissen die Mediziner am besten. Und dann kommt das Organversagen, dann kommt das Multiorganversagen und dann folgt die Einlieferung ins Krankenhaus. Das heißt, das ist die Morbidität. Und dann kommt nach der Morbidität die Mortalität – und wir sehen: Früher haben wir das nach dem zweiten, dritten Tag von der Hitze gesehen. Mittlerweile sehen wir das natürlich schon, weil die Vorbelastung höher ist, viel früher. Interessant ist: Vor drei Jahren vielleicht, ist so ein Artikel rausgekommen. Das war irgend so ein britisches Journal. Ich weiß es nicht mehr. Und da hieß es, es gibt 27 Arten an Hitze zu sterben. Ich kenne mehr. Mediziner kennen wahrscheinlich auch mehr. Die Frage ist: Was definiere ich dann praktisch als welchen Faktor? Die Leute sterben nicht direkt an den hohen Temperaturen, sondern sie haben eine Belastung durch ein Organ. Und bei Hitze, das ist insgesamt bei der Umwelt, dass natürlich das auch passieren kann. Das heißt, ich habe die Reihenfolge: Unwohlsein, Leistungsminderung – und dann kommt die Morbidität und dann die Mortalität.

Martin Hoffmann: Ab wann ist diese Leistungsminderung, die du ansprichst, ab wann ist die messbar?

Andreas Matzarakis: Ich würde sagen, zu Beginn des Sommers ist es irgendwas. Wir haben noch eine andere magische Zahl. Es ist nicht so viel eine magische Zahl. Das ist das, wo wir uns am meisten wohlfühlen. Im Sommer ist es so 20, 25 Grad. Bei 27 Grad ist es immer noch angenehm. Da verbrauchen wir die wenigste Energie. Jetzt kommt der große Unterschied, dass die Belastung bei jüngeren Menschen etwas früher anfängt, 29-30 Grad. Bei den älteren Menschen, weil die Thermoregulation anders ist, beginnt das viel später. Aber der Grad, das ist die extreme Belastung bei den älteren Menschen, die ist dann früher wie bei den jüngeren Leuten. Also da gibt es eine Schwankungsbreite. Ich würde sagen, alles, was über 27, 28 Grad geht, da fängt Belastung je nach Fitnesszustand, Gesundheitszustand schon früher an. Aber ich kann hier nicht schon mal bei 27 Grad eine Warnung rausgeben, sondern ich muss hier natürlich selber Maßnahmen ergreifen – etwas trinken, weniger Aktivität und so weiter. Also man kann das nicht genau mit solchen Werten hier festlegen. Wie gesagt, es gibt nur eine magische Zahl, die 37.

Martin Hoffmann: Wie zeigt sich denn, ich sage es mal, dieser Hitze-Stress, den man den dann haben kann, bei der kognitiven Leistungsfähigkeit? Was sind also die ersten Anzeichen, die ich spüre, wo ich merke, okay, ich muss gegensteuern?

Andreas Matzarakis: Ich kann mich nicht konzentrieren, Nervosität taucht natürlich dann auf. Das sind, wie gesagt, wenn es 27 Arten zu sterben gibt, ist natürlich die Anzahl der anderen Beeinträchtigungen weitaus mehr. Es ist auch unterschiedlich wahrscheinlich von Mensch zu Mensch. Bei einem anderen ist es die Unruhe. Bei dem anderen ist das die natürlich fehlende Konzentration. Da gibt es viele Sachen. Aber im Prinzip ist es erst mal das Unwohlsein, eine Leistungsminderung. Du kannst von mir sagen, meine Betriebstemperatur, die beste Betriebstemperatur damit ich produzieren kann, damit ich Sachen machen kann, ist 19 Grad. 18, 19 Grad, das ist ein Bereich, wo meine Hände noch ein bisschen kalt sind, da funktioniere ich am besten.

Martin Hoffmann: Ab wann würdest du sagen, es ist eine kritische Hitzebelastung, wenn wir jetzt über den Arbeitsplatz sprechen? Also die 26 Grad hast du ja schon angesprochen. Aber sind wir das schon im kritischen Bereich? Oder geht es da eigentlich los?

Andreas Matzarakis: Da geht es schon los. Bei 30 sollten Maßnahmen ergriffen werden durch den Arbeitgeber, dass man Wasser gestellt bekommt. Ich bevorzuge natürlich Wassermelone.

Martin Hoffmann: Bei 30 Grad erst?

Andreas Matzarakis: Ja, dass Maßnahmen ergriffen werden, durch den Arbeitgeber. Laut der Arbeitsstättenverordnung ist es bei 30 Grad.

Martin Hoffmann: Wie kann ich mit den Risiken umgehen?

Andreas Matzarakis: Jetzt sind wir doch bei der Frage, wann gehöre ich zu einer Risikogruppe? Nach drei Tagen Hitze. Und das Problem ist nicht die Situation während des Tages, sondern auch die Situation während der Nacht. Wenn ich drei Tage, drei Nächte keinen erholsamen Schlaf hatte, gehe ich ja immer mit einem höheren Level rein. Nach drei Tagen sind wir leider auch, wenn wir gesund sind, gehören wir einer Risikogruppen an.

Martin Hoffmann: Dann sind wir eigentlich alle risikogruppig.

Andreas Matzarakis: Richtig. Und das ist natürlich auch die Frage. Da kannst du keine Schwellenwerte nehmen und dann kannst du sagen, das geht mich nix an und so weiter. Und da hilft es natürlich dann nur, solche einfache Maßnahmen zu reduzieren. Ich habe es mal letztes Jahr auch mit der Presse gemacht oder auch jetzt gerade die Woche mal einen Artikel darüber publiziert. Es gibt ziemlich einfache Maßnahmen, die man nehmen kann. Als Erstes informiere ich mich. Gibt es eine Hitzewarnung? Ist das was Offizielles? Und dann geht es mit dem Trinken, Aktivitäten reduzieren. Die Nahrungsaufnahme, die ich dann habe, die Sonne meiden und so weiter. Das sind sechs, sieben Maßnahmen – und die allerwichtigste Maßnahme ist, auf seine Mitmenschen achten. Das wird natürlich oft vergessen. Denn wenn ich nicht fit oder krank bin, dann habe ich das Problem natürlich, dass ich das nicht realisiere. Und von dem her sollte man natürlich auch auf seine Mitmenschen achten. Das ist eigentlich auch Teil der Hitzewarnung. In der Hitzewarnungen gibt es auch irgendwelche Vorschläge, was man für Maßnahmen ergreifen kann. Und bei der Stufe 2, wir haben ja zwei Stufen aktuell in Deutschland in Bezug auf die Hitzewarnungen, Stufe zwei sagt dann, achten Sie auch auf Ihre Mitmenschen.

Martin Hoffmann: Thema „Trinken“ noch mal ganz kurz. Was ist da so eine Empfehlung? Sind es diese zwei Liter? Ich habe mal irgendwas mit zwei Liter gelesen, oder?

Andreas Matzarakis: Manche Leute sagen, zwei Liter, es ist ja nicht nur das Wasser, man isst ja Salate. Ich habe ja vorhin gesagt, ich hätte gerne als Maßnahme die Wassermelone. Was machen die Griechen im Sommer? Wassermelone mit Schafskäse. Dann habe ich natürlich dann auch...

Martin Hoffmann: ...Elektrolyte und so weiter.

Andreas Matzarakis: Das gehört alles dazu. Das ist individuell unterschiedlich. Man sollte natürlich darauf achten, dass man Flüssigkeit ausreichend trinkt, also zu sich nimmt. Ich habe mal gesagt, viel trinken, dann bin ich von den Medizinern zurechtgewiesen worden. Wir haben gesagt, ausreichend trinken. Was natürlich auch richtig ist. Und da kommt aber noch der weitere Punkt dazu. Viele Salate, viel Essen, was wir im Sommer zu uns nehmen – das hat natürlich auch sehr viel Wasser. Und da kommt auch noch ein negativer Faktor hinzu. Ich kenne das von den Kollegen, ein Gerontologe, der mir gesagt hat: Der Körper kann 0,8 Liter pro Stunde Wasser aufnehmen. Alles andere, was man zu sich nimmt, das wird dann wieder ausgeschieden. Also das muss man balancieren.

Martin Hoffmann: Wenn wir über Risikogruppen sprechen, natürlich ist Alter mit dabei. Wie sieht es aus mit besonderen Medikamenten? Wie sieht's aus bei Schwangerschaft? Dann wahrscheinlich diese drei Tage schrumpfen und immer, immer weiter zusammen, oder?

Andreas Matzarakis: Die richtige Beschreibung oder die Beschreibungen der Risikogruppe, so wie ich sie kenne, ist: kranke Menschen, alte Menschen, Kinder. Hier sollten aber noch die Schwangeren dabei sein. Das ist genau das, was momentan aktuell international auch sehr viel geforscht wird, wie das bei Kindern und Schwangeren wirkt – und das sind die Risikokruppen. Und für die gilt es natürlich schon am ersten Tag der Hitze, das gilt eigentlich über den ganzen Sommer schon. Jetzt zeige ich zwar einen Wert. 29-30 Grad habe, sollte ich natürlich dann sagen, okay, das ist eine Belastung für jemanden, der krank ist, dann ist die Belastung schon natürlich schon vorher da.

Martin Hoffmann: Gibt es spezielle Kühlstrategien? Wie kann ich meinen Körper gut runterkühlen? Wie mache ich das?

Andreas Matzarakis: Wichtig sind die Extremitäten. Du kannst natürlich deine Füße in einen Eimer rein machen mit kaltem Wasser.

Martin Hoffmann: Das habe ich wirklich gemacht. Das hat bei mir super funktioniert.

Andreas Matzarakis: Das funktioniert super. Die Mädels haben es so gemacht, die haben die Tücher genommen. Papiertücher haben sie nass gemacht, haben sie auf die Extremitäten oder in den Nacken gelegt. So, das gilt für gesunde Menschen. Habe ich aber ein Wehwehchen, kann ich das nicht machen, weil es schnell zu einer Abkühlung kommen kann. Und dann gibt es noch so für Leute, die arbeiten, Feuerwehren oder Rettungsdienste und so weiter – oder Leute, die draußen arbeiten, so Kühlwesten. Oder es gibt verschiedene Möglichkeiten. Also da gibt es einfache Geschichten. Wo ich kein Freund von bin, sind personalisierte Klimaanlagen, die man anzieht, also über den ganzen Körper, und dann auf die 20 Grad kühlt. Denn wenn du dann rauskommst bei 35 Grad, kriegst du natürlich dann einen Kollaps dort. Die südlichen Länder machen es ganz einfach. Die machen Siesta. Wobei, bei Siesta gibt es ein Missverständnis. Die Leute meinen, Siesta heißt schlafen. Nein, Siesta heißt runterkommen. Aktivitäten reduzieren.

Martin Hoffmann: Über Schlaf müssen wir auch gleich noch reden. Wie schnell erhole ich mich denn von der Hitze und welche Rolle spielt da Schlaf?

Andreas Matzarakis: Der Schlaf ist die wichtigste Maßnahme gegen Hitze. Das heißt, ich kann mich dort erholen, aus dem einfachen Grund, wenn ich keine Aktivität habe und die Bedingungen stimmen. Wenn ich das schaffe, in einem Raum, dann in der Nacht unter 19, 18 Grad zu kommen, ist gut. Meistens gelingt uns das nicht. Das Problem ist dann auch die Feuchtigkeit, wenn wir die Fenster aufmachen, dass die Feuchte, die draußen ist, durch die Bäume oder durch alle Möglichkeiten auch durch die Feuchte, die wir selber ausatmen und so weiter. Schlaf ist die wichtigste Maßnahme, die ich dann habe und möglichst am nächsten Tag mit einem geringeren Level an Belastung. Wenn ich drei Tage natürlich nicht geschlafen habe, gehe ich ja mit einem höheren Level. Deswegen ist auch der Unterschied zwischen Tag und Nacht hier geringer und somit bin ich sehr schnell auch in dieser Risikogruppe.

Martin Hoffmann: Dann haben wir aber diese tropischen Nächte, tropische Nacht ab 25 Grad, glaube ich.

Andreas Matzarakis: Ne, 20.

00:18:02: Oder ab 20 sogar schon, ich dachte, die 25. Aber wir hatten ja jetzt auch, wenn ich an das letzte Jahr denke, da hatten wir ja einige Nächte, die auch über 25 Grad waren. Gerade wenn man, ich sag es mal, in der Stadt auch noch wohnt, wo sich dann auch noch mal alles noch mal mehr staut. Wie mache ich das dann? Also meine Wohnung kühlt sich nicht runter. Klassiker: Fenster auf und dann ein nasses Tuch davor?

Andreas Matzarakis: Am besten ist es, man nimmt, also ich finde, man kann vor dem Schlafengehen ein bisschen den Körper abkühlen mit solchen Kühlpads oder anderen Möglichkeiten, die man hat und wenn man den Raum kühlen möchte, dann wäre ganz gut: nasse Bettlaken oder vielleicht die Bettlaken in eine Tiefkühltruhe reinzumachen für eine halbe Stunde und so weiter. Die helfen aber auch nicht die ganze Zeit. Die Bettlaken haben die Möglichkeit, weil sie besser verdunsten können und die Luftzirkulation auch ein bisschen anders ist. Man muss mal aufpassen. Manche Leute mögen das auch nicht, aber ich denke, die Kombination zwischen Verhalten, die Räume nicht aufheizen zu lassen, dass sie schneller abkühlen werden und dann selber mit Maßnahmen. Ich habe es mal, glaube ich, letztes Jahr mal probiert mit den kühleren Bettlaken. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert.

Martin Hoffmann: Andreas, vielen, vielen Dank. Magische Zahl 37. Ich werde sie nicht mehr vergessen. Vielen Dank. Habe da sehr viel mitgenommen für mich.

Andreas Matzarakis: Sehr gerne.

Martin Hoffmann: Ich muss sagen, ich finde es ja immer wieder krass, wenn man sieht, was politisch und gesellschaftlich gegen Hitze getan wird und dass es eigentlich nur reine Symptombekämpfung ist. An die Ursachen gehen wir nicht oder nur halbherzig ran. Ich bin jetzt echt gespannt auf das Gespräch mit Hanna Binder. Sie leitet bei ver.di den Landesbezirk Baden-Württemberg. Als Gewerkschafterin ist ihr das Thema Arbeitsschutz natürlich extrem wichtig. Eine Forschungsstudie der Uni Passau und Uni Bern hat ergeben, dass bei Außentemperaturen von über 30 Grad die Arbeitsunfälle um 7,4 Prozent zunehmen. Und das schauen wir uns jetzt mal genauer an. So, ich bin jetzt in der Theodor-Häus-Straße 2 in Stuttgart mittendrin im Kessel und hier staut sich im Sommer nicht nur der Verkehr, sondern auch die Hitze. Ver.di sitzt im Haus 1. Ich bin jetzt echt gespannt auf das Gespräch mit Frau Binder – und hier ist schon das Ver.di-rot. Ich gehe jetzt einfach mal rein.

Hanna Binder: Da sind sie ja schon. Wunderbar. Herzlich willkommen bei ver.di Baden-Württemberg.

Martin Hoffmann: Hallo Frau Binder. Frau Binder, gibt's in Deutschland sowas wie Hitzefrei?

Hanna Binder: So was wie Hitzefrei, Sie meinen, so wie an der Schule?

Martin Hoffmann: Ja, genauso, also.

Hanna Binder: An Schulen gibt es das ja nach wie vor immer wieder mal und auch in der Arbeitswelt muss das eigentlich gewährt werden, wenn wir über 35 Grad haben und keine Hitzeschutzkonzepte wirklich da sind, weil das ist so die Grenze, wo der Arbeitsschutz sagt, also ab jetzt ist es definiert als Hitzearbeit und dann darf nur noch gearbeitet werden, wenn wirklich Maßnahmen ergriffen werden vom Arbeitgeber, also so Sachen wie Luftschleusen, Wasserduschen und Abkühlungspausen, eben so, wie man es kennt aus Großbäckereien oder der Stahlindustrie, Gießereien, sowas.

Martin Hoffmann: Was genau sind Abkühlungspausen?

Hanna Binder: Ja, Abkühlungspausen bedeutet, dass, wenn ich in einem stark hitzeexponierten Bereich arbeite, dass ich dann Pausen brauche, wo der Körper abkühlen kann. Das heißt, ich brauche dann auch einen Pausenraum, der gekühlt ist, wo ich dann auch tatsächlich runterkühle. Also nicht nur einfach eine Pause von der Arbeit mache im gleichen heißen Raum, sondern eben einen klimatisierten Raum oder wie gesagt, ein Raum, wo dann eine Luftdusche ist oder wo auch mit Wasserkühlung gearbeitet wird. Und der Körper dann tatsächlich auch wieder runterkommt von den hohen Temperaturen.

Martin Hoffmann: Ab wann gilt denn Hitze arbeitsrechtlich – und das ist ja dann immer noch mal eine kleine Unterscheidung – als relevante Belastung? Gibt es da Grenzwerte? Gibt's da Gefährdungsbeurteilungen? Wie läuft das?

Hanna Binder: Ja, es gibt alles beides. Also es muss eigentlich grundsätzlich für jeden Arbeitsplatz, egal wo der ist, eine Gefährdungsbeurteilung vorliegen. Und in der Gefährdungsbeurteilung wird natürlich auch berücksichtigt: Kann es an diesem Arbeitsplatz und diesem Arbeitsort und bei dieser Tätigkeit zu einer hohen Hitzeexposition kommen? Und wir haben im Arbeitsschutzgesetz, da haben wir auch Grenzen drin, Temperaturgrenzen, die so einen gewissen Anhaltspunkt bieten. Man muss aber wirklich immer sagen, Ausnahmen bestätigen auch die Regeln. Also man muss wirklich auch nochmal auf die individuelle Hitzeverträglichkeit auch gucken. Das ist auch eine Aufgabe, die man dann auch in den Betrieben und Dienststellen hat, dann auch wirklich da nochmal zu gucken, wie ist es denn bei uns? Und trifft denn diese Grenze mit 26 Grad, mit 30 Grad, mit den bereits genannten 35 Grad – trifft die auf uns zu? Also bei 26 Grad, da ist es so, dass eigentlich der Arbeitgeber Maßnahmen ergreifen muss, für alle, die gesundheitlich vorbelastet sind.

Martin Hoffmann: 26 Grad innen, oder? Also das ist innen Büros, oder ist es auch draußen?

Hanna Binder: Ja, das ist in den Büros, aber natürlich greift das auch. Das betrifft ja diejenigen, die außen arbeiten, genauso. Oder die auch im Außendienst, im Auto unterwegs sind oder Ähnliches. Also ich glaube, mittlerweile gibt es wenig Autos, die keine Klimaanlage mehr haben, aber früher war das mehr ein Thema. Es ist aber trotzdem immer noch so, dass auch immer noch Arbeitgeber Autos zur Verfügung stellen, die auch noch keine Klimaanlage haben. Das ist natürlich dann auch ein Innenbereich.

Martin Hoffmann: Da hatte ich so gar nicht auf dem Schirm, muss ich gestehen, dass man im Auto da natürlich draußen unterwegs ist. Okay, also 26 Grad, das hatte ich auch gelesen. Ich sag jetzt mal trotzdem irgendwie indoor, also im Büro, im Auto. 30 Grad dann draußen, wenn man zum Beispiel auf der Straße arbeitet oder Bauarbeiten irgendwie in so eine Richtung dann eher, oder?

Hanna Binder: Nee, 30 Grad ist einfach quasi die nächste Grenze. Also die 30-Grad-Grenze ist, da müssen dann für alle Beschäftigten auch Maßnahmen ergriffen werden. Also das ist quasi diese Staffelung: 26 Grad, 30 Grad, 35 Grad bei der Arbeit. Und ab 30 Grad müssen für alle Beschäftigten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um eben die Hitzeexposition zu vermeiden – und nicht mehr nur für diejenigen, die gesundheitlich vorbelastet sind. Was gesundheitlich vorbelastet ist, ist natürlich, wenn man bestimmte Erkrankungen hat oder Kreislaufprobleme, aber auch in der Schwangerschaft möglicherweise. Da gibt es dann eben noch extra Regelungen, da muss auch eine extra Gefährdungsbeurteilung dann gemacht werden für diese Menschen – oder für Schwangere eben.

Martin Hoffmann: Jetzt sprechen Sie gerade Schwangere an, Professor Matzarakis hat auch genau gesagt wie Sie, also das ist natürlich eine sehr individuelle Sache, wie wir auch Temperaturen wahrnehmen. Wie wird das dann gemacht? Also wenn ich jetzt zum Beispiel sehr anfällig für Wärme, für Hitze bin, dann können ja für mich 26 Grad schon wirklich sehr, sehr belastend sein, auch, ich sage es mal, wenn ich eine reine Bürotätigkeit mache, wo ich jetzt nicht unbedingt sehr körperlich arbeiten muss.

Hanna Binder: Ja, das ist einerseits ein Einzelfall. Deswegen ist es ja auch so wichtig, dass man auch individuelle Gefährdungsbeurteilungen macht, die den Arbeitsplatz betreffen – und dann auch noch mal draufschaut, wie ist es dann für den Einzelnen. Deswegen sage ich immer, es gibt diese gesetzlichen Vorgaben und die Schutzregelungen, aber wichtig ist eben auch, was für eine Kultur habe ich da im Betrieb oder in der Dienststelle dazu – und welche Regelungen habe ich ganz konkret vor Ort? Weil jetzt mal weg von den eigentlichen Maßnahmen hin zur Umsetzung der Maßnahmen. Also das eine ist, wir haben eigentlich gute Schutzregelungen in den Gesetzen vorgesehen, aber die Frage, die für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und die Beschäftigten oftmals die viel Größere ist, ist, so wie Sie sagen, wie kann ich denn da konkret jetzt auch dazu kommen? Kann ich meine Arbeit einfach niederlegen oder verweigern? Oder wen muss ich vorher fragen? Wenn ich jetzt sage, ich gehöre zu den gesundheitlich Vorbelasteten, also für mich ist diese 26-Grad-Grenze schon das Wichtige und nicht erst die 30-Grad-Grenze, dann kann ich natürlich individuell auch das mit meinem Arzt besprechen. Und mein Arzt kann entsprechende Untersuchungen machen und kann mir dann ein Attest ausstellen – und kann sagen, okay, diese Person, obwohl da jetzt keine Schwangerschaft vorliegt oder keine spezifische Erkrankung diagnostiziert wird, aber diese Person da habe ich festgestellt, die ist trotzdem auch besonders körperlich belastet bei Hitzeentwicklung, weil sie es einfach schlechter verträgt. Da geht der Kreislauf gleich in den Keller und so weiter und so fort. Also das kann ich individuell feststellen lassen – und das meinem Arbeitgeber individuell vorlegen. Besser finde ich aber, wenn man im Betrieb oder in der Dienststelle eben auch klar und konkret geregelt hat: Welche Regelungen greifen bei uns? An welcher Form von Arbeitsplätzen? Und wer ist auch für die Überwachung zuständig? Und da gibt es auch viele, die das schon gemacht haben, denn wir sind da ja in der vollen Mitbestimmung in dem Bereich. Gesundheitsschutz, Arbeitsplatzsicherheit und so weiter, das sind alles voll mitbestimmte Bereiche im Betrieb und im Unternehmen, egal jetzt ob nach Betriebsverfassungsgesetz oder nach Personalvertretungsrechten oder Mitarbeitervertretungen. Und wenn die dann festlegen, was passiert und wer die Ansprechpartner sind, und was konkrete Maßnahmen sind, dann habe ich es auch übersichtlich. Dann muss ich nicht die KI oder Google fragen, sondern dann kann ich für mich im Betrieb konkret nachlesen: Okay, was sind denn jetzt die Maßnahmen und wie kann ich auch dann darauf Einfluss nehmen, wenn ich sage, für mich passt das nicht aus meinen eigenen gesundheitlichen Einschränkungen heraus.

Martin Hoffmann: Aber ich habe jetzt rausgehört, man darf jetzt nicht einfach so von sich heraus die Arbeit niederlegen und sagen, okay, ist mir zu heiß zum Arbeiten, sondern man braucht auf jeden Fall erst mal so eine Art ärztliches Attest und am besten immer Rücksprache halten, höre ich jetzt so raus.

Hanna Binder: Na ja, so absolut würde ich das nicht gerne formulieren, weil es gibt natürlich schon diese harte Grenze bei 35 Grad, also bei Arbeiten über 35 Grad. Wenn es keine Schutzmaßnahmen gibt, dann habe ich auch als Beschäftigter das Recht zu sagen, ich gehe jetzt. Aber das ist, glaube ich, die Ausnahme. Und die Frage ist ja auch dann immer am Ende, wenn es dann zum Streit kommt um die Auseinandersetzung. Wie kann ich das beweisen? Also dann gehen diese ganzen Dinge los. Deswegen finde ich es eben wichtig, dass man wirklich auch vorher das anspricht und darauf hinweist, dann sichert man sich als Beschäftigter auch selber ab. Wenn ich vorher dem Arbeitgeber gesagt habe: Ich habe diese und diese Tätigkeiten – was tust du, damit ich nicht bei über 35 Grad ungeschützt arbeiten muss? Und der Arbeitgeber dann sagt: Ich tue gar nichts, ich kann nichts tun, weil die Arbeit muss gemacht werden, egal welches Wetter heute ist und egal wie heiß das wird. Dann habe ich quasi auch selber mich abgesichert und habe dann eine Möglichkeit, das hinterher auch nachzuweisen, dass ich berechtigt auch die Arbeit dann verweigert habe.

Martin Hoffmann: Wenn die Arbeitgeberseite nichts macht. Aber die haben ja auch Pflichten, oder? Die müssen ja eigentlich auch dafür sorgen. Welche Pflicht haben die denn in Sachen Hitzeschutz?

Hanna Binder: Also es gilt grundsätzlich das sogenannte Stop-Prinzip. Kann man sich auch super leicht merken. Stop-Prinzip. Das bedeutet, dass zunächst die Frage gestellt werden muss, der Substitution. Also ist diese Arbeit tatsächlich heute und jetzt, wo es so heiß ist, zwingend zu verrichten? Also Beispiel: Wir haben lange Bauferien bei Hitze und im Winter. Weil es bestimmte Tätigkeiten gibt auf Baustellen, die können dann einfach nicht gemacht werden. Ich kann nicht, und da gab es auch schon viele Arbeitsunfälle und auch teure Brände, wenn bei zu großer Hitze zum Beispiel Schweißarbeiten durchgeführt werden und dann der Funkenschlag dazu führt, dass das Gebäude, das ich gerade saniere, abbrenne. Das ist mal ein ganz krasses Beispiel, aber es ist nicht so, dass das nie vorkommt. Aber das zeigt einfach, es gibt Arbeiten, die können bei großer Hitze nicht sicher und gefahrlos durchgeführt werden. Deswegen also zunächst prüfen: Muss diese Arbeit, die nur in der Hitze ausgeführt werden kann, muss sie jetzt wirklich gemacht werden – oder muss man sie nicht einfach ganz weglassen oder verschieben auf einen anderen Zeitpunkt?

Martin Hoffmann: Wie kann man denn Arbeitsabläufe hitzetauglich organisieren? Also ich denke jetzt an Arbeitszeiten, ich denke an Pausenregelungen, ich denke vielleicht, wie Sie gerade gesagt haben, naja, schwere Arbeiten vielleicht auch aufschieben oder mit einem Plan voraus. Man kennt ja auch so ein bisschen Wettervorhersagen, so ein bisschen, man weiß ja auch, kommt da jetzt gerade eine Hitzeperiode oder nicht, dass man so plant. Aber auch zum Beispiel Schichtplanung, Nachtschicht und so was. Wie mache ich so was?

Hanna Binder: Ja, bei der Schichtplanung, da geht es natürlich wieder darum, kann ich jetzt eine Arbeit, die tagsüber in der Hitze ist, also kann ich auch die Arbeiten innerhalb der Schichten verändern oder sind die Arbeiten immer gleich, was in jeder Schicht gemacht werden muss? Also da kann man möglicherweise Verschiebungen machen. Wenn es aber Sachen sind, die wirklich rund um die Uhr abgedeckt werden müssen. Dann muss man unter Umständen eben auch längere Pausen mit einplanen zur Erholung. Und dann kommen die anderen drei Buchstaben von dem Stoppprinzip, das T, das O und das P, nämlich die Frage nach technischen Maßnahmen, nach organisatorischen Maßnahmen und nach persönlichen Schutzmaßnahmen gegen die Hitze. Und da kann ich natürlich bei technischen Maßnahmen in vielen Bereichen, gerade wenn es natürlich im Gebäude ist, kann ich auch über entsprechende Klimatisierung was erreichen. Und Hitzeschutz am Gebäude, da muss ich dann als Arbeitgeber investieren. Ich kann auch in Außenbereichen natürlich was erreichen. Wenn ich eine Baustelle habe, dann kann ich entsprechende Beschattungsanlagen aufstellen und wie gesagt auch Wasserduschen oder auch Ventilatoren und so weiter. Das kann ich auch draußen verwenden. Ich kann zum Beispiel jetzt für Briefdienstleister, da kann ich natürlich weniger mit Beschattung zum Beispiel arbeiten, da geht es dann eher in den Bereich organisatorische Maßnahmen, dass ich dann möglicherweise eben Arbeitszeiten auch verschiebe oder Gleitzeitrahmen verändere und so weiter. Und zuletzt natürlich die P, die persönlichen Maßnahmen, das ist zum einen, dass der Arbeitgeber eben auch entsprechende Schutzkleidung bereitstellen kann – und natürlich auch Getränke, eigentlich die Minimum-Ausstattung, dass man viel trinkt, weiß ja jeder, dass das notwendig ist, muss man aber auch mit bedenken. Wer viel trinkt, muss unter Umständen auch öfters mal auf Toilette, also muss der Arbeitgeber dann auch mitbedenken. Und es gibt mittlerweile auch tolle Entwicklungen natürlich, was irgendwie klimatisierte Kleidung oder Ähnliches angeht. Das sind dann die Dinge, die da dann zum Tragen kommen.

Martin Hoffmann: Wo würden Sie denn sagen: Welche Branchen haben den größten Nachholbedarf, was Hitzeschutz angeht?

Hanna Binder: Also ich würde eher eine Differenzierung sehen zwischen Bereichen, wo wir aktive Betriebs- und Personalräte haben. Da, glaube ich, gibt es einen stärkeren Fokus insgesamt auch auf Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit und damit auch auf Hitzeschutz und gute Regelungen als die Bereiche, wo Beschäftigte eben ihrem Arbeitgeber etwas ungeschützter, ohne Tarifverträge, ohne betriebliche Regelungen, ohne Gewerkschaft und ohne Mitarbeitervertretung gegenüberstehen.

Martin Hoffmann: Was kann ich denn als Beschäftigter ganz konkret tun, wenn jetzt mein Arbeitgeber nicht handelt? Also wenn da nichts passiert? Betriebsrat zum Beispiel eingeschalten, die sind ja sowieso schon tätig in solchen Bereichen und gucken, dass das umgesetzt wird. Aber Sie sprechen jetzt gerade auch die Betriebe an, die keinen Betriebsrat haben, also auch sehr kleine Betriebe. Was mache ich denn? Wie kann ich da vorgehen?

Hanna Binder: Je konkreter, desto besser. Also wenn Sie einen ganz konkreten Fall haben, dann ist immer egal, um welche Art von Auseinandersetzung es geht mit dem Arbeitgeber, es ist immer wichtig, das zu dokumentieren. Also erst mal dokumentieren, wann bin ich welcher Hitzebelastung ausgesetzt gewesen und welche Auswirkungen hat das gehabt auf meine Gesundheit, auf meine Leistungsfähigkeit, auf meine Sicherheit. Was habe ich? Weiß der Arbeitgeber das, also es ist immer ganz wichtig, dass der Arbeitgeber das natürlich auch wissen muss. Wir haben natürlich auch manchmal Arbeitgeber, die relativ weit weg sind von dem, was ihre Beschäftigten tun. Wo der Arbeitgeber dann sagen kann: Das habe ich ja gar nicht gewusst, oder so. Also deswegen, man muss den Arbeitgebern unbedingt in Kenntnis setzen – und man muss ihn schon auch dazu auffordern, eben für Abhilfe zu sorgen und Maßnahmen zu ergreifen. Und wenn er das nicht tut, dann, wie gesagt, entweder ich gehe zum Betriebsrat, dann kann ich aber auch unter Umständen eben individuell meine Rechte auf Arbeitsschutz auch versuchen einzuklagen. Das ist natürlich immer möglich. Wir leben in einem Rechtsstaat. Das ist eine der aufwendigsten Arten, aber auch das ist natürlich am Ende möglich.

Martin Hoffmann: Das heißt: alles dokumentieren, Arbeitgeber auf jeden Fall in Kenntnis setzen, dann braucht er natürlich wahrscheinlich auch ein bisschen Zeit, die ihm zugestanden werden muss, dass da Änderungen reinkommen, und dann kann es, wenn dann nichts passiert, wird es rechtlich relevant.

Hanna Binder: Genau. Und ergänzend auch natürlich den Arzt das mitdokumentieren lassen. Also das gehört zum Dokumentieren auch dazu, dass wenn ich jetzt also wirklich gesundheitliche Folgen habe, dass ich das dann auch dokumentieren und begleiten lasse von meinem Arzt.

Martin Hoffmann: Gelten noch mal gesonderte Schutzpflichten für besonders gefährdete Beschäftigte, also ich sage jetzt noch mal schwangere Leute mit Vorerkrankungen, vielleicht auch Ältere – ist es dann noch mal schärfer?

Hanna Binder: Ja, also bei Schwangeren muss auf jeden Fall, ist das auch immer mit drin, so in der Gefährdungsbeurteilung. Wie gesagt, das gehört ohnehin dazu. Da wird nochmal besonders darauf geachtet, da gelten nochmal andere Grenzwerte und Schutzvorschriften. Und da ist es auch, sag ich mal, etwas leichter dann für den Arzt, eine Bescheinigung auszustellen, dass man eben nicht arbeitsfähig ist. Ja, das geht natürlich auch, wie gesagt, immer. Dass der Arzt dann zu dem Ergebnis kommt: Nee, das ist unzumutbar, das hält mein Patient nicht aus, das gefährdet die Gesundheit so sehr, dass ich den einfach krankschreibe. Das ist sozusagen auch neben der Klage so eine Ultima Ratio. Und bei Schwangeren passiert das relativ schnell, dass die Ärzte dann auch sagen, da ist eine echte Gefährdung. Und da kann jetzt nicht mehr gearbeitet werden. Natürlich gibt es das für Schwerbehinderte auch. Wir haben auch Schwerbehinderten-Vertretungen, die eingeschaltet werden können. Es gibt auch Arbeitssicherheitsbeauftragte in jedem Betrieb, in jedem Unternehmen, die natürlich auch dafür mit zuständig sind, die eingeschalten werden können – und die dann auch tätig werden müssen.

Martin Hoffmann: Jetzt arbeiten immer mehr Leute im Homeoffice auch. Wer trägt denn da die Verantwortung, wenn jetzt mein Arbeitsplatz zu Hause, mein kleines Büro so ein bisschen zum Hitzeraum wird?

Hanna Binder: Ja, das ist natürlich wieder das Problem, was wir generell bei Homeoffice haben. Homeoffices ist ja nicht der eindeutig definierte Begriff. Ja, wir haben die Telearbeit. Bei der ist es klar, wenn ich vereinbart habe, ich habe meinen Arbeitsplatz zu Hause, dann ist es Telearbeit, dann ist der Arbeitgeber auch dafür zuständig, diesen Arbeitsplatz auszustatten und einzurichten. Und dazu gehört auch die Kontrolle, ob Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz eingehalten werden. Da muss er für die Ausstattung sorgen, da muss er mir den Schreibtisch daheim bezahlen und da muss auch die Hitzeschutzmaßnahmen daheim eindeutig bezahlen. Wir haben aber natürlich ganz viele, die das eher als flexible Arbeitszeit und wir sagen eher als mobile Arbeit dann betrachten, als als Telearbeit. Und da ist es dann in der Verantwortung des Beschäftigten. Und da kann ich dann nicht zwingend verlangen, dass der Arbeitgeber jetzt diese Ausstattung mir bereitstellt. Aber auch da kommt es natürlich darauf an, welche Ausweichmöglichkeiten habe ich. Also ich kann als Arbeitgeber eben nicht sagen, dann arbeitest du von zu Hause, weil ich habe hier kein gekühltes Büro für dich. Ja, oder vielleicht sowieso gar kein Büro für dich. Und dann davon ausgehen, dass das auf jeden Fall dann zu Hause die Verpflichtung des Arbeitnehmers ist, mir da eine Klimaanlage reinzubauen, das geht dann andererseits eben auch nicht.

Martin Hoffmann: Vielen Dank. Total spannend. Habe da ganz viel mitgenommen. Und es gibt unglaublich viele Maßnahmen, die man auch, die man ansetzen kann oder wo man ansetzten kann, dass Hitze und Arbeiten, dass es trotzdem irgendwie noch zusammengeht und vor allem, dass das auch verträglich bleibt für die Beschäftigten. Dankeschön.

Hanna Binder: Danke Ihnen.

Martin Hoffmann: Also ich muss gestehen, ich habe das Thema Hitze wirklich deutlich unterschätzt, da wird noch einiges auf uns zukommen. Und wenn ich an das Gespräch mit Andreas Matsarakis denke, denke ich natürlich an die kritische Temperatur: 37 Grad. Die hat sich bei mir definitiv eingebrannt, aber natürlich auch an die verschiedenen Tipps und Ideen, wie man sich am besten runterkühlt. Und wenn ich an das Gespräch mit Hanna Binder denke, dann natürlich auch noch mal an die Pflichten, die ein Arbeitgeber hat in Sachen Hitzeschutz – und was sie als Beschäftigte tun können, nämlich alles zu dokumentieren. Ganz wichtig, vielleicht auch in Rücksprache mit Arzt oder mit Ärztin. Wie geht's denn euch bei zu hohen Temperaturen? Was macht ihr denn für euren Arbeitsschutz? Oder habt ihr euch vielleicht mit dem Thema noch gar nicht so richtig auseinandergesetzt? Schreibt's gerne mal in die Kommentare und tauscht euch aus. Wenn ihr hier mehr wissen möchtet, also mehr Infos zum Thema Hitze haben möchtet, dann schaut gerne mal rein in die Show Notes. Da haben wir natürlich wie immer viele Informationen für euch nochmals zusammengetragen. Wenn euch der Podcast gefällt, gerne abonnieren, Glöckchen an – ihr kennt das. Und dann verpasst ihr auch keine neue Folge mehr. Wenn ihr Fragen und Anregungen oder vielleicht auch Themenvorschläge habt, am einfachsten direkt unter den Podcasts kommentieren oder ihr schickt uns eine Nachricht per Instagram @gesundnah – wir freuen uns und lesen uns auch definitiv alles durch. Vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal wieder am Start seid. Jetzt erst mal eine gute Abkühlung für euch. Ich bin Martin Hoffmann. Wir hören uns. GESUNDNAH, der Gesundheitspodcast der AOK Baden-Württemberg.

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