#48 Gen Alpha im Medienrausch.

Shownotes

Man öffnet nur mal kurz Insta, TikTok & Co. und schon sind wieder zwei Stunden vergangen. Die Generation Alpha ist von Geburt an an einen Alltag mit digitalen Medien gewöhnt. Ein Smartphone ist bereits ab dem Grundschulalter keine Seltenheit mehr. Doch wie wirkt sich die exzessive Mediennutzung auf die Psyche junger Menschen aus? Martin Hoffmann hat mit dem Medienwissenschaftler Prof. Benjamin Zierock von der SRH-Universität Heidelberg und der Bildungswissenschaftlerin Filiz Tokat vom Stadtjugendring Stuttgart e. V. darüber gesprochen. Sie erklären, warum KI-Bots tückisch sein können und weshalb auch Eltern ihren Medienkonsum überdenken sollten.

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Links zum Thema: Weitere Informationen zu Prof. Benjamin Zierock: https://www.srh-university.de/de/srh-university/hochschulteam/zierock-benjamin/ https://zierock.de/

Spannende Links, die uns Prof. Benjamin Zierock für euch zusammengefasst hat: Artikel und Studienergebnisse https://www.theguardian.com/science/2015/jan/18/modern-world-bad-for-brain-daniel-j-levitin-organized-mind-information-overload

https://link.springer.com/article/10.1007/s00278-024-00716-7

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/flynn-effekt-iq-nimmt-ab-und-wir-werden-duemmer

https://www.zeit.de/digital/2026-02/gehirn-soziale-medien-emotion-psyche-jugendliche-dopamin

https://www.br.de/nachrichten/wissen/social-media-warum-gehirne-von-jugendlichen-so-anfaellig-sind,VB6whZO

https://medizinsoziologie-reha-wissenschaft.charite.de/forschung/rehabilitationsforschung/medienabhaengigkeitbeikindernundjugendlichen_meki

https://www.researchgate.net/publication/373906218TheLoopandReasonstoBreakItInvestigatingInfiniteScrollingBehaviourinSocialMediaApplicationsandReasonsto_Stop

https://www.researchgate.net/publication/389790671FromGenZtoGenerationAlphaNavigatingtheEvolutionofCommunicationinaDigital_Age

https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/icils-2023-eickelmann-digitale-kompetenzen-40-prozent-der-jugendlichen-sind-abgehaengt/

https://www.dgkjp.de/wp-content/uploads/20260219-STN-und-Wiss.-Ausarbeitung-Nutzung-digitaler-Medien-und-psychische-Gesundheit-von-Kindern-und-Jugendlichen.pdf

Zum Anschauen und Hören: https://www.youtube.com/watch?v=m6j88fm0vZs https://open.spotify.com/episode/5PArleGVW5Pthxh4gBIcF5

Weitere Informationen zu Filiz Tokat: https://www.sjr-stuttgart.de/die-geschaeftsstelle/

Spannende Links, die uns Filiz mitgegeben hat: Veranstaltungen für Eltern: https://www.lmz-bw.de/veranstaltungen https://www.lfk.de/service/termine

Padlet für Eltern - als Nachschlagewerk zu vielen Medienthemen: https://padlet.com/ftokat/alle-wichtigen-infos-auf-einem-blick-sia3zg7pg4jfe9p3

Mediennutzungsvertrag: https://www.mediennutzungsvertrag.de/ https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/ises-kids-onlinetraining

Weiterführende Links der AOK zu diesem Thema: https://www.aok.de/pk/bw/anmeldung-entfaltung-der-gesundheit-rund-ums-kind-impulse-fuer-eltern-und-paedagogen/ https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/der-dunning-kruger-effekt-einfach-erklaert/

Transkript anzeigen

Intro: Unterwegs für die Gesundheit. GESUNDNAH – der Podcast der AOK Baden-Württemberg.

Martin Hoffmann: Die ersten Smartphones, Tablets, Social Media, künstliche Intelligenz und so weiter. Wahnsinn, was sich allein technologisch in den letzten 15, 16 Jahren getan hat. Wie muss es für eine Generation sein, die es gar nicht anders kennt? Kinder, die ab 2010 geboren wurden, gehören zur Generation Alpha. Sie wachsen in einer Welt auf, die von Technologie geprägt wird, wie keine Generation vor ihr. Ich bin Martin Hoffmann, Jahrgang 85, ich bin also aktuell 40 Jahre alt. Damit gehöre ich laut Definition zur Generation Y oder auch Millenials. Ich kann mich noch gut dran erinnern, als die ersten Computer auf den Markt kamen. Ich bin auch so gut wie ohne Handy aufgewachsen. Ich kenne Videokassetten, also VHS, CDs und Minidiscs. Wenn ich mich so reden höre, ich muss sagen, ich fühle mich wirklich alt und unsere jungen Hörerinnen und Hörern denken wahrscheinlich gerade, über was spricht der alte Mann da. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es aktuell sein muss, jung zu sein. Das Wissen der Welt ist immer in der Tasche mit dabei. Ablenkungen, ständige Verfügbarkeit. Immer wird alles gefilmt, gepostet und verschickt. Künstliche Intelligenz verändert alles, krempelt jeden Lebensbereich um. Und mittendrin, junge Menschen, teilweise in der Pubertät, manche aber auch noch viel jünger, die versuchen müssen, mit ihrem Leben klarzukommen. Wie kann es gelingen, dass diese Generation, die in einer zunehmend digitalen Welt aufwächst, trotzdem gesund groß wird? Welche Verantwortung tragen Eltern, welche die Schule und welche die Politik? Darüber diskutiere ich mit Prof. Benjamin Zierock und Filiz Tokat. Benjamin Zierock ist Medienwissenschaftler an der SRH-Universität in Heidelberg. Er war Teil einer Forschungsgruppe, die gezeigt hat, wie sich Kommunikations- und Mediengewohnheiten von der Generation Z zur Generation Alpha verändert haben. Filiz Tokat ist Bildungswissenschaftlerin und Referentin beim Stadtjugendring Stuttgart e.V. Nebenberuflich arbeitet sie mit vielen verschiedenen Zielgruppen zu medienpädagogischen Themen wie beispielsweise Desinformation, Fake News, Hate Speech und Künstliche Intelligenz. Ich bin jetzt in Heidelberg auf dem Campus von der SRH University und Benjamin Zierock hat gesagt, ich soll einfach Richtung Foyer kommen, Blauer Turm. Blauen Turm sehe ich, also ich glaube hier bin ich richtig und er meinte er holt mich einfach im Eingangsbereich ab. Da ist er glaube ich. Hallo Benjamin, hallo.

Prof. Benjamin Zierock: Hallo. Na, wie geht's? Gut hergekommen?

Martin Hoffmann: Ja, gut hergekomen, super geparkt, ist sehr schick hier. Benjamin, was unterscheidet GenAlpha in der Mediennutzung von GenZ?

Prof. Benjamin Zierock: Ist eine sehr gute Frage. Die Mediennutzung grundsätzlich wird sich wahrscheinlich gar nicht großartig unterscheiden. Du hast folgende Situation, Gen Alpha ist jetzt natürlich mit noch neueren Medien, mit noch neueren Kanälen aufgewachsen, wird noch früher konfrontiert mit den Systemen und dementsprechend ist es noch schwieriger für jetzt die Gen Alpha im Gegensatz zu Gen Z zu filtern, zu nutzen und auch einzusetzen. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied jetzt in der abstrakten Ebene. Einfach gesagt, wir haben jetzt Chats, die intelligent selbst beantworten. Das haben wir jetzt in unserem Alter auch als Eltern mittlerweile verstanden. Was da hintendran alles passiert, wissen wir nicht und das wissen die Kinder auch nicht. Und das ist jetzt die größte Schwierigkeit, das auch zu transportieren, dass solche Sprachassistenten da sind. Dass personalisierte Systeme auf einmal da sind. Und gerade das Verständnis, ist das jetzt echt oder falsch? Das ist die größte Herausforderung. Wir können nur hoffen, dass es ordentliche Zeichen gibt. Ob das dann ein Wasserzeichen ist. Man kennt das von Nanobanana von Gemini. Wenn du ein Bild generierst, dann ist ganz offensichtliches Zeichen da bei der Bildgenerierung.

Martin Hoffmann: Also so ein Wasserzeichen, dass man sieht, ok, künstlich erstelltes Bild, kein echtes Bild.

Prof. Benjamin Zierock: Richtig. Aber ich weiß nicht, ob du auch schon mal mit solchen Videogeneratoren gearbeitet hast. Man erkennt vielleicht noch an den Zähnen oder am Blinken der Augen, dass das nicht echt ist. Aber mittlerweile ist das auch dann in diesem schnellen Social-Media-Feed kaum noch zu erkennen.

Martin Hoffmann: Also ich hab's tatsächlich ausprobiert und ich hab das auch, wenn man das hat in den letzten Monaten allein so eine Entwicklung noch mal genommen, also die ersten, die ich da gesehen hab, hab ich gesagt, okay, das erkennt jeder, dass das gerade wirklich fake ist. Aber wenn man es immer mal wieder nutzt, das wird wirklich mittlerweile unglaublich realistisch, finde ich. Und wie du sagst, in dieser Schnelllebigkeit, es wird einfach im Feed, nächstes Video, nächstes Video, dann erkennt man es vielleicht nicht mehr ganz.

Prof. Benjamin Zierock: Und da ist eben auch die Situation, wir haben jetzt die ersten Forschungsergebnisse tatsächlich vorliegen, dass wir so gut wie alles versäumt haben im Bereich von Social Media und in so Boomer-mäßig neuen Medien, aber alles, was so mit iPad oder Tablets und mit Smartphones zusammenhängt, da haben wir fast alles verpasst. Und das ist jetzt das Gleiche mit KI-generierten Erzeugnissen. Wir verpassen gerade alles, was da irgendwie möglich ist, den Leuten zu erklären, den Kindern zu erklären. Aber auch unseren älteren Menschen zu erklären was da eigentlich los ist.

Martin Hoffmann: Gibt es Hinweise auf Veränderungen in bestimmten kognitiven Bereichen, jetzt gerade bei der Gen-Alpha? Was hat da die Forschung gezeigt?

Prof. Benjamin Zierock: Klar ist, dass die letzten zwei Generationen nicht mehr schlauer geworden sind. Also die Tendenz war immer, die nächste Generation wird schlauern, schlauen, schlauern. Und jetzt haben wir die Situation, dass die Generation nicht mehr Schlauer, also nach IQ-Punkten geworden ist oder bewertet wird. Wir haben trotz mehr Lernsituationen, da einen Rückgang. Und das ist natürlich verherrnet. Über den kognitiven Rückgang wird berichtet von Jared Cooney Horvath, der argumentiert, dass eben die steigenden IQ-Werte, man nennt es auch den Flynn-Effekt, bei Gen Z und Gen Alpha erstmals rückläufig ist. Und das hat für mich natürlich, da dreht sich es bei mir auch komplett im Kopf. Wir haben einen Wissensparadoxon dadurch. Wir können immer mehr wissen, wir haben nicht nur irgendwie den Brockhaus zu Hause, sondern wir haben das Internet zu Hause. In dem wir alles erfahren können. Wir haben aber immer schlechteres Langzeitgedächtnis, also können uns das auch gar nicht mehr merken. Was aber noch sehr, sehr spannend bei der ganzen Thematik ist, ist natürlich auch das Switchen innerhalb des Gehirns. Da kommen wir auf einen anderen Wissenschaftler, den Daniel Levitin. Der hat die sogenannte Multitasking-Situation sich angeguckt und rausbekommen, dass Multitasking nicht möglich ist. Also du hast nur einen Switch im Gehirn. Aufgabe 1 auf Aufgabe 2, wieder zurück auf 1, auf 2, auf 1 auf 3 und so weiter und dadurch machen wir natürlich auch alle, nicht nur die Generation Alpha oder die Generation Z, wir machen alle unsere Gehirne kaputt und das hängt auch nicht nur mit den Medien zusammen, sondern mit der Vielfalt an Produkten, die wir draußen haben. Also wir haben überall Eindrücke.

Martin Hoffmann: Was weiß man denn darüber, wie sich Bildschirmzeit zum Beispiel auch auf Konzentration auswirkt, wie das die Aufmerksamkeit beeinflusst?

Prof. Benjamin Zierock: Es gibt ganz schlimme Zahlen, die kann man natürlich dann auch sich gut merken. Eine Aufmerksamkeit innerhalb der sozialen Medien ist bei ungefähr zwei Sekunden.

Martin Hoffmann: Zwei Sekunden?

Prof. Benjamin Zierock: Zwei Sekunden. Du entscheidest in zwei Sekunden gefällt dir der Beitrag oder nicht und scrollst dann weiter. Oder auch in Form von diesem Tinder-artigen. Gefällt mir, ja, nein, ja nein, die Entscheidung wird in zwei sekunden getroffen. Krass. So ein bisschen, die Person macht den Mund auf, das gefällt mir nicht.

Martin Hoffmann: Also, da können wir gar nicht über Inhalte sprechen, sondern da sprechen wir wirklich über so einen ersten intuitiven Eindruck.

Prof. Benjamin Zierock: Ja. Okay, krass.

Martin Hoffmann: Und das macht natürlich was mit Konzentration, mit Aufmerksamkeit. Wenn du jetzt sagst, nach zwei Sekunden entscheide ich, gefällt mir das Video, gefällt es mir nicht, scroll ich weiter oder wische ich einfach weiter oder nicht. Dann kommt das nächste Video und dann das nächste. Und wieder wird eine Entscheidung gefragt, dieses immer-da-sein, immer-online-sein. Da baut sich doch dann irgendwie so was auf, dass ich das gar nicht mehr regulieren kann, oder?

Prof. Benjamin Zierock: Ja, und nicht nur, dass ich das gar nicht mehr regulieren kann, sondern dass ich auch komplett kaputt bin dann im Kopf. Also, es ist wirklich ein Schwamm, der da voll mit Wasser gesogen ist. Ein Schwamm wird schwer und schwer und es ist alles in deinem Gehirn drin. Das ist dann auch wieder ein Punkt für die kommenden Generationen. Wir brauchen kontextbezogene Beispiele. Also, wann nutzt du beispielsweise ein soziales Medium? Zum Berieseln, das mag das eine sein. Aber schaffe ich es wirklich zu recherchieren. Ich komme aus einer Zeit, da musste ich in den Schallplattenladen gehen und hoffen, dass die Schallplate da ist und dann musste ich suchen und habe etwas gefunden. Jetzt bin ich in der Streaming-Situation oder im Download von MP3-File und kriege alles einfach auf Wunsch. Es ist ja nicht mal mehr für westliche Welten, es ist ja auch nicht mehr teuer.

Martin Hoffmann: Jetzt haben wir gerade über Konzentration gesprochen, über Aufmerksamkeit gesprochen. Du hast gesagt, naja, da ist dann alles irgendwie Matsch im Kopf. Wie sieht es denn mit Emotionen aus, mit der Emotionsregulation im Zusammenhang mit digitalen Medien, mit dem Konsum?

Prof. Benjamin Zierock: Die Emotionsregulation ist auf jeden Fall auf einem niedrigeren Punkt. Heißt, ich schaffe es nicht mehr, die Emotionen so zu regulieren. Das kann auch schon sein, das sehen wir bei Kindern, wenn du denen ein Spielzeug wegnimmst und erst recht dann mit digitalen Features, dann schreien die noch lauter.

Martin Hoffmann: Ab wann spricht man denn eigentlich bei Kindern und bei Jugendlichen von einer kritischen Nutzung von digitalen Medien oder gibt es überhaupt, mal anders gefragt, gibt es überhaupt ein Normal oder ein Gut? Eine gute Nutzung?

Prof. Benjamin Zierock: Das hängt natürlich auch vom Kind ab. Ich habe Kinder erlebt, die zwei Stunden vorm Schlafen gehen, keine Medien generell, auch kein Hörspiel oder sowas oder auch kein Buch mehr lesen sollten, weil sie einfach dann zu aufgewühlt sind. Ich hab aber auch mitbekommen, dass es manchen hilft, dann eben runterzukommen. Es gibt ja diese schlafbegleitenden Geschichten auch. Ich selbst bin auch mit Benjamin Blümchen eingeschlafen, aber noch auf Kassette. Da war ich dann zu müde, die Kassetten zu drehen. Jetzt bist du halt an keinem Ende, das Hörspiel hört auf, es kommt das nächste, es kommt das Nächste und es kommt auch hier ein Vergleich zu alten Generationen, auch noch Generation X ist mit dem Ende des Fernsehens aufgewacht, da kam der Piepston irgendwann und dann hast du dich von der Couch ins Bett bewegt. Als dann die privaten Fernsehsender kamen, hatten wir auf einmal bis 2 Uhr, bis 3 Uhr, 4 Uhr und irgendwann dann rund um die Uhr noch lineares Fernsehen. Jetzt mit Streaming hast du die ganze Zeit.

Martin Hoffmann: Ich fühle mich gerade so alt, weil ich kenne das genau, was du gerade beschreibst, also ich kenne das wirklich noch.

Prof. Benjamin Zierock: Ja, aber du fragtest ja auch, gibt es da irgendein Maß?

Martin Hoffmann: Ja.

Prof. Benjamin Zierock: So wenig wie möglich.

Martin Hoffmann: Also es gibt kein gesund von der Menge, sondern wirklich so wenig wie möglich bis... Dann ist der Idealfall ja eigentlich gar nicht.

Prof. Benjamin Zierock: Wir können uns den neuen Medien, wir können uns neue Technologie nicht verwehren. Keine Frage. Wir müssen die auch kontextbezogen einsetzen. Also wir ja auch, die Kinder auch. Du darfst halt nicht vergessen, du kannst so eine Spritze an Glück, an Dopaminen, kannst du nicht einfach jemanden in die Hand drücken. Heißt, man sollte es auch begleiten, das Kind. Nebendran setzen. Gucken, was erlebst du da gerade, was hast du dir angeguckt? Mit dabei sein, nicht einfach drauf los, das ist das Gefährlichste.

Martin Hoffmann: Gibt es denn Faktoren, die das Risiko erhöhen, dass diese Nutzung kippt?

Prof. Benjamin Zierock: Ganz klar gibt es natürlich depressive Symptome. Dann ist es aber schon fast zu spät. Wir müssen da besonders gut drauf achten. Wenn ein Kind nicht mehr ohne Fernsehen kann, wenn ein Kind nicht mehr ohne Hörspiel und auch erst recht nicht ohne Streaming-Situation kann, dann ist...

Martin Hoffmann: Das ist eigentlich schon zu spät, ne?

Prof. Benjamin Zierock: Ja.

Martin Hoffmann: Wie sieht es denn aus? Aus der wissenschaftlichen Perspektive, gibt es Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und der mentalen Gesundheit? Wenn wir nochmal auf die junge Generation gehen, auf die Gen-Alpha gehen, ist da schon Forschung da?

Prof. Benjamin Zierock: Es gibt Forschung, aber eher auf einem Diskussionslevel. Sprich, die Forschenden treffen sich auf Konferenzen und ordnen das gerade ein. Wir haben Diskussionen über die Zeitverdrängung und auch da eine Selbstreflektion. Die Bildschirmzeit verdrängt Schlafzeit. Die Bildschirmezeit verdrängt Bewegung. Wir habe auch eine gewisse Trägheit in spielerischen Situation. Wir lernen durch Spiele. Jetzt habe ich die ganze Zeit Spiele-ähnliche Elemente, ich spreche dann von Gamification und kriege schon gar nicht mehr mit, dass ich eigentlich durch ein Spiel verführt werde. Fortschrittsbalken, irgendwelche Belohnungssysteme, ich meine, ob ich das beim Shopping habe oder eben in allen möglichen Apps, das verroht dann auch ganz schön. Da haben wir Belohnung und dann eben dementsprechend Aufmerksamkeitsarchitekturen mit drin. Auch durchaus komplett zufällig und gar nicht gewollt entwickelt worden, nur wenn etwas funktioniert. Dann behält man das halt bei. Wir haben dadurch eine Belohnungsfrequenz, auch das ist superspannend. Und dann, was auch noch diskutiert wird, ist natürlich Emotionsregulation und Stresssituation.

Martin Hoffmann: Jetzt haben wir vorhin schon kurz über KI-Bots gesprochen, über, ich sage es mal, es sind ja so eine Art oft Chatbots, die sehr personalisiert antworten, wo man wirklich so eine Bindung eingeht, fast schon so eine Beziehung teilweise. Was sagt es über Beziehungen aus und was macht es gerade mit der jungen Generation?

Prof. Benjamin Zierock: Ein großes Ausrufezeichen. Denn egal wer, aber es werden parasoziale Beziehungen aufgebaut. Und wenn ich von Anfang an diese parasozialen Beziehung pflege, mit meinem Chatbot beispielsweise, dann schwimmen oder vermischen sich irgendwann die Grenzen zwischen das ist echt und das ist fiktiv. Das kennen wir auch aus der alten Generation. Ich will nicht immer wie ein Boomer klingen, aber wenn du spannende Bücher gelesen hast, Reihen wie Harry Potter beispielsweise oder Star Wars, dann bist du vielleicht auch mal als absoluter Fan in Traumwelten geraten. Und jetzt haben wir aber die ganze Zeit solche Medien. Wir haben einen Chatbot, der sogar noch drauf reagieren kann und dir die Inhalte so generiert, dass du sie auch noch besonders magst. Das ist fies, weil es permanent verfügbar ist, es ist personalisiert und es ist sogar noch reaktiv. Und diese Bindung, die da kreiert wird, die baut dir eigentlich eine mediale Figur auf, die dich begleitet. Und das ist auch hier mit Vorsicht zu genießen.

Martin Hoffmann: Wenn wir jetzt an das Thema Prävention denken. Jetzt hast du vorhin gesagt, na ja, von dem digitale Medienbildschirmzeit eigentlich so wenig wie möglich. Also man kann es natürlich nicht komplett ignorieren, man kann sich neuen Technologien nicht komplett verschließen. Was ist der größte Hebel, um wirklich zu sagen, okay, digitale Medien, dass die Kindern eher guttun, als dass sie schaden? Wo kann ich da ansetzen?

Prof. Benjamin Zierock: Wichtig ist Kontext für uns in der Nutzung. Uns sollte klar sein, ja ich gönne mir jetzt 20 Minuten Social Media. Ja ich gönne mir 20 Minuten Videotelefonat mit meinen Freunden.

Martin Hoffmann: Benjamin, vielen Dank! Mega spannend!

Prof. Benjamin Zierock: Ich habe zu danken. Bis bald.

Martin Hoffmann: Wenn ich mir das alles so anhöre, dann ist das wirklich krass. Also, dass sich digitale Medien, vor allem Social Media, nicht unbedingt positiv auf Stress und kognitive Fähigkeiten auswirken, das war mir schon klar. Aber dass die Auswirkungen so heftig sind, das hätte ich echt nicht gedacht. Also, da wird noch einiges auf uns zukommen. Ich setze mich jetzt mal ins Auto und fahre nach Stuttgart-Feuerbach. Hier bin ich mit Filiz Tokat verabredet. Sie arbeitet mit vielen verschiedenen Zielgruppen zusammen und hat einen super Überblick, was Kinder, Jugendliche, aber auch die Perspektive der Eltern angeht. Ich bin jetzt beim Stadtjugendring Stuttgart in Stuttgarth-Feuerbach und hier bin ich mit Filiz Tokat verabredet und sie hat gemeint, ich soll einfach hoch in den zweiten Stock kommen. War gar nicht so einfach zu finden und ich guck mal hier durch die Glastür durch, da ist es schon. Hallo Filiz, hallo. Hallo.

Filiz Tokat: Hallo Martin, herzlich Willkommen in unserer Geschäftsstelle.

Martin Hoffmann: Filiz, sag mal, was beobachtest du aktuell am häufigsten bei Kindern und bei Jugendlichen in Bezug auf Social Media und auf Mediennutzung?

Filiz Tokat: Also ich beobachte natürlich, dass sie Medien nutzen und auch auf Social Media unterwegs sind. Was mir besonders da auffällt, ist, wenn ich auch mit jüngeren Kindern spreche, die selber gar kein Smartphone besitzen, wo man dann davon ausgeht, dass die gewisse Dinge nicht kennen, dass wenn wir, ich mache ja verschiedene Arten von Workshops und wenn wir dann aber über Dinge sprechen, dass sie dann schon das eine oder andere Video dann doch irgendwie auch kennen. Obwohl sie keine eigenen Geräte haben und aktiv Social Media nicht nutzen, sind gewisse Formate dennoch eigentlich fast allen Kindern bekannt und Jugendlichen sowieso. Das sind so Beobachtungen, die ich mache.

Martin Hoffmann: Welche Anzeichen gibt es denn eigentlich bei Kindern, bei Jugendlichen, dass man sagen kann, naja, okay, der Medienkonsum, der tut den eher gut oder der löst eher Stress aus bei denen?

Filiz Tokat: Ja, das ist ganz unterschiedlich. Also bei den jüngsten sind ja noch so Themen, dass sie eher Dinge anschauen. Also wenn wir jetzt da, da ist Social Media nicht so wirklich das Thema. Wenn sie fernsehen zum Beispiel, wenn das dann zu lange ist, dass die sich dann bewegen, aufstehen, irgendwelche Faxen dann auf dem Sofa vielleicht auch machen. Das ist dann so ein Moment vielleicht, dass es zu viel dann war oder sie müssen irgendein Gefühl dann vielleicht auch kompensieren in dem Moment. Also da ist die Dauer bei Kleineren auf jeden Fall ganz wichtig, inklusive die Inhalte natürlich, dass sie nicht überfordern.

Martin Hoffmann: Was heißt denn Dauer? Wie lange sollte man oder?

Filiz Tokat: Also was Dauer angeht, gibt es immer nur Empfehlungen, ja? Und je jünger die Kinder sind, desto weniger, am besten bis zwei gar nicht, dann vielleicht ein paar Minuten, ausgewählte Inhalte. Und je älter die Kinder werden, destoch mehr nehmen sie ja auch wahr. Und irgendwann identifizieren sie sich ja auch mit Figuren, können auch einschätzen, dass es nicht Realität ist. Und je Älter sie werden, je mehr sie sich verändern und ja kognitiv auch wachsen, können Sie auch etwas längere Inhalte anschauen. Aber neben der Dauer sind die Inhalter aber auch total wichtig. Also es kann auch sein, dass drei Minuten ein Clip total verstören kann, weil einfach der Inhalt nicht richtig war für das Kind. Und je älter Sie werden, wie gesagt, es gibt Empfehlungen, es gibt da verschiedene Empfehnungen, es gibt auch eine Empfehlung, zehn Minuten pro Lebensalter, wo dann Erwachsene immer argumentieren können, warum sie länger vielleicht Medien nutzen dürfen. Das sind alles einfach, wie gesagt, Empfehlungen. Und eigentlich will man gar nicht so sehr sich bei der Dauer verhaften.

Martin Hoffmann: Kann Medienkonsum überhaupt guttun oder ist es per se erst mal nicht so gut für Kinder?

Filiz Tokat: Das kommt total drauf an. Ich bin überzeugt davon, dass es gut tun kann, weil es gewisse Dinge ja auch unterstützen kann. Also ich denke, Medien können guttun, weil man Medien lernen kann. Medien können guttun, weil man Kontakt zu Familienmitgliedern haben kann, die nicht hier leben. Medien können guttun, wenn man etwas begegnet, was das Interesse weckt. Und man denkt, da möchte ich jetzt einfach mehr wissen. Ich denke, ich bin überzeugt davon, dass Medien guttun können. Aber sehr bedacht eben, je jünger die Kinder sind, desto ja vorsichtiger sollte man da auf jeden Fall auch sein.

Martin Hoffmann: Man muss natürlich als Einschränkung sagen, wir reden über digitale Medien.

Filiz Tokat: Ja, genau. Nicht über Bücher und Radio und so.

Martin Hoffmann: Genau. Wie zeigt sich den Druck, wie zeigt sich denn Stress durch Mediennutzung, durch Medienkonsum auch im Alltag? Also wenn wir über das Thema zum Beispiel Schlaf sprechen, über Konfliktbewältigungen, über solche Themen, wie zeigt sich sowas?

Filiz Tokat: Also Stress, wenn man zwar nicht einschlafen kann, auch der Konsum, der Medienkonsum vor dem Schlafen gehen. Also was habe ich mir denn jetzt angeguckt? Also sitze ich mit dem Smartphone noch im Bett und gucke mir irgendwie schlimme Nachrichten an, dann kann sich Druck allerlei äußern, ich kann dann nicht einschlafen, ich fühle mich schlecht, ich bin traurig, ich muss weinen, so kann es sich eben auch auswirken. Oder eben auch, wenn man die Zeit vergisst, wenn man da irgendwo hin zu spät kommt, Dinge nicht erledigt, die man erledigen wollte, einfach wirklich unglaublich viel Zeit vergeudet, weil man da hängen geblieben ist. Was man ja dazu sagen muss, je nachdem, wenn wir jetzt bei Social Media bleiben, die Plattformen sind ja so gebaut, dass wir es nicht weglegen können. Also ein Smartphone alleine an sich hat jetzt schon so viele Elemente, damit wir es nicht wegelegen. Und wenn man dem verfällt, dann fühlt man sich sicherlich auf vielen Ebenen auch schlecht.

Martin Hoffmann: Was macht es mit der Stimmung im Alltag von Kindern und Jugendlichen?

Filiz Tokat: Es kann die Stimmung trüben, je nachdem, was man eben gesehen hat. Und wenn es dann zu viel ist, dann hat man sich ja auch… Also was tut man denn nicht, wenn man vor einem digitalen Medium sitzt? Man bewegt sich nicht, man isst vielleicht nicht, man trinkt nicht, man geht nicht an die frische Luft und das tut auf Dauer natürlich nicht gut.

Martin Hoffmann: Man ist auch meistens alleine eigentlich.

Filiz Tokat: Genau, also das sind auch zum Beispiel der Medienpädagogische Forschungsverbund, der erhebt schon seit 25 Jahren Daten, wie sich so die Medienausstattung, die Mediennutzung sich bei jungen Menschen, Kindern und Familien entwickelt und da sieht man einfach stetig, also in den letzten Jahren, dass auch junge Kinder Medien immer öfter alleine nutzen. Also zum Surfen, zum Spiel spielen und wenn man da eben auch allein ist, ist es kein Gemeinschaftsereignis, dann kommt das ja auch noch hinzu.

Martin Hoffmann: Wenn wir mal bei Social Media bleiben, man hört ja immer von diesen ständigen Vergleichen. Man sieht da eigentlich immer nur perfekte Körper. Alles ist immer perfekt und alles ist immer wunderschön und alles ist immer unglaublich gut. Und dann vergleicht man sich ja automatisch irgendwie damit. Wie gehen junge Leute mit diesem Körperbild um, dieses Ideal, was sie da präsentiert bekommen? Und wie kann man das ansprechen, richtig?

Filiz Tokat: Ja, also das ist auf jeden Fall ein großes Thema, was jetzt noch verschärft hinzukommt, sind es gibt mittlerweile KI-generierte Profile, die ein Schönheitsideal repräsentieren, das überhaupt gar nicht erreichbar ist, wie es eben mit den inszenierten Bildern eben auch gab. Jetzt aus meiner Arbeit bieten wir solche Veranstaltungsformate natürlich eben auch an und thematisieren das und ich erlebe schon junge Menschen, die sich dessen bewusst sind, dass es nicht echt ist, aber trotzdem macht es was mit ihnen. Also sagen sie, trotzdem macht das was mit mir, obwohl ich weiß, dass das unnatürlich sein kann.

Martin Hoffmann: Welche Plattformen, welche Formate triggern Kinder denn besonders oder am stärksten?

Filiz Tokat: Instagram, TikTok haben eben das Potenzial, aufgrund dessen, so wie sie gemacht sind, einfach noch mehr Inhalte zu präsentieren. Aber da vergisst man manchmal, dass es auch noch andere Plattformen und Möglichkeiten gibt.

Martin Hoffmann: Was, was triggert er noch?

Filiz Tokat: Also Snapchat ist auch so eine Plattform, die sehr viel genutzt wird. Bei Snapchat gibt es auch diese kurzen Videos, also da gibt es diese Rubrik mit den Spotlights. Und bei Snapchat zum Beispiel ist es so, ob das jetzt triggert im klassischen Sinn, das kann ich nicht beurteilen, aber da gibt das noch mal so einen Druckmechanismus und zwar diese Flammen, die man haben kann, wenn man rege interagiert mit Menschen. Und wenn man die Flamme verliert, dann, also man möchte diese Flammen nicht verlieren. Und auch das sorgt ja auch immer wieder dazu, dass ich da reingehen muss und irgendwie einen Snap verschicken muss, damit meine Flamme nicht erlischt. Ich habe schon einige Erfahrungsberichte gehört, wenn die Flammer erloschen ist, dass das Drama ausgelöst hat. Also auch da sind Mechanismen drin, die Druck erzeugen.

Martin Hoffmann: Ich merke gerade, dass ich richtig alt bin, weil ich noch nie von diesen Flammen gehört habe, muss ich ehrlich sagen gerade. Aber die Flamme darf anscheinend nicht erlischen.

Filiz Tokat: Die darf nicht erlischen, ja.

Martin Hoffmann: Das macht ja auch...

Filiz Tokat: Aber auch hier möchte ich sagen, dass nicht alle jungen Menschen, die das nutzen, hinter den Flammen her sind. Aber das ist nochmal so ein Element, das in so einem Kanal eben drin ist, das Druck auslösen kann, je nachdem, wie es dem Kind geht, wie wichtig es ist. Und je jünger sie sind, desto mehr verfallen sie vielleicht auch eher diesen Dingen. Und was bei Snapchat auch noch ist, da gibt es diese Snap-Karte. Das bedeutet, wenn man Menschen geaddet hat, dann sehe ich live, wo die Personen sind. Also ich kann live die Menschen tracken, mit denen ich verbunden bin und das ist datenschutztechnisch natürlich sehr bedenklich, dass man das eben machen kann.

Martin Hoffmann: Auf der anderen Seite könnte man jetzt natürlich auch argumentieren, ist ja super cool, ich weiß so, wo meine ganzen Freundinnen, meine ganzen Freunde sind.

Filiz Tokat: Und so sagen sie das auch. Das sind auch Dinge, die man natürlich auch dann wahrnehmen muss. Die Freundschaften heute, dazu gehört die digitale Welt ja irgendwie auch mit dazu. Und manchmal äußern sie auch, ich lerne meine Freunde, Freundinnen einfach auch nochmal besser kennen. Weil man auch vielleicht heutzutage viel weniger Möglichkeiten hat, nach der Schule sich zu treffen. Weil die Schule sehr lange geht, viele Freizeitaktivitäten anstehen oder eben gar keine Freizeiteaktivität ansteht. Aber die Menschen, die anderen nicht Zeit haben und die digitalen Medien gehören ja einfach auch nochmal zur Freundschaftsintensivierung ja irgendwie auch noch dazu. Und ich möchte das jetzt gar nicht, also diese Snapkarte, ich kann es total nachvollziehen, dass es dieses Gefühl auslöst. Nur wenn man das eben auf einer größeren Ebene anschaut, geht das natürlich nicht. Also Unternehmen tracken ein, natürlich gegenseitig trackt man sich und wenn man dann auch mit Menschen geaddet hat, die man nicht kennt und wenn es ein öffentliches Profil ist, dann ist es wirklich ein Thema, ein großes Thema.

Martin Hoffmann: Was rätst du denn Jugendlichen, was rätst Kindern, wobei Kinder sollten da eigentlich noch gar nicht sein, aber sind sie wahrscheinlich, was, was redest du denen dann in Bezug auf diesen Druck immer online sein zu müssen, nichts verpassen zu dürfen?

Filiz Tokat: Also ich muss ehrlich gestehen, das sind so Themen, die eigentlich von den jungen Menschen selber dann irgendwie auch angeschnitten werden. Also es ist nicht so, wenn man sich das so vorstellt, es ist nicht so dass ich sage, wir müssen jetzt darüber reden, dass das Druck bei euch auslässt, sondern dass sie das eigentlich relativ schnell selber auch äußern, weil sie sind sich ja selber ja der Nutzung der digitalen Medien ja irgendwie auch überdrüssig. Das äußeren sie auch immer in Befragung und auch in meiner Praxis auch immer wieder. Und da gibt es wirklich sehr individuelle Strategien. Also es gibt junge Menschen, die sagen, ich habe das gelöscht, also ich habe TikTok komplett gelöschen, weil es ging nicht mehr. Und manche sagen, das geht nicht, weil ich, keine Ahnung, mit dem und dem da verbunden bin, je nachdem. Und da gibts sehr individuell Strategien und ich, wenn wir die Zeit haben, wenn es unsere Rahmenbedingungen ermöglichen, dass wir dann uns eben die Zeit nehmen und jede und jede für sich die nächsten Schritte dann formuliert und dann die eben angeht und wenn man die Möglichkeit hat, sich wiederzusehen, dann kann man einfach dann nochmal irgendwie Verbindlichkeiten besprechen, dann nochmal schauen, wie ist es gelaufen. Aber es ist wirklich sehr individuell, es gibt einen wahnsinnigen Markt mit kostenpflichtigen Apps, die dich davor schützen sollen, dass du in dein Social Media gehst. Vielleicht ist so eine App auch hilfreich für eine Person.

Martin Hoffmann: Jetzt ist es ja so, Verbote, Kontrolle, das hat sich, wenn ich jetzt an meinen eigenen Medien konsum, und wenn ich immer dran denke, als Jugendlicher hat es nie so wirklich funktioniert, wenn meine Eltern Grenzen setzen wollten. Wie kann man das machen als Eltern, dass es sich eben nicht so wie Kontrolle wie ein Verbot anfühlt? Wie setzt sich Grenzen?

Filiz Tokat: Ich würde auf jeden Fall empfehlen, gemeinsam Regeln zu vereinbaren. Also die Kinder, natürlich bei den Allerkleinsten ist es sehr schwierig, wenn es um Sendungen geht, die man anschauen möchte. Also wenn ich jetzt bei Kindern bin, Vorschule, Grundschule, da würde ich das wirklich auch mit den Kindern auch machen, dass man zusammen Regeln vereinbart. Es gibt so ein Regelwerk im Internet, der heißt Medienutzungsvertrag, der wird als Vertrag zum Vertragen betitelt. Das ist ein wirklich riesengroßes Werk, man muss das nicht nehmen, aber das kann man zusammen machen. Und was wirklich schön ist, ist, man kann da auch Regeln für die Eltern vereinbaren. Also dass man sich auch anhört, wie reflektiert denn mein Kind über meine Mediennutzung, weil die haben da schon was zu sagen, dass man da gemeinsam Regeln vereinbart. Weil selbstgefundene Regeln werden auch eher akzeptiert. Dass danach Harmonie herrscht, das ist definitiv nicht der Fall. Das aber ist... Ja, es hat einfach noch mal einen Rahmen, an dem man sich halten kann. Und je älter die Kinder werden, desto mehr muss man natürlich dann, also man muss es immer wieder zusammen drauf schauen und es dann zusammen erweitern. Weil irgendwann soll ja Ziel sein, dass sie alleine laufen können in der digitalen Welt und eigentlich wissen, wie sie sich da bewegen müssen.

Martin Hoffmann: Das bedeutet aber natürlich auch, dass ich jetzt als Elternteil, ich muss über eine unglaublich hohe Medienkompetenz verfügen. Also was da immer wieder Neues passiert. Ich habe gerade gesagt, naja, Snapchat, da habe ich wirklich überhaupt keine Ahnung von. Und ich glaube, so geht es einigen. Und da kommen ja immer wieder neue Trends, neue Apps. Das heißt, ich muss ja eigentlich immer total auf dem Laufenden irgendwie sein, dass die Kinder oder die Jugendlichen, die sich ja wahrscheinlich besser auskennen, dass die jetzt mich nicht austricksen. Zum Beispiel Zweitaccounts und es ist jetzt ja nicht, ein Zweitaccount ist ja nichts verrücktes, aber auf die Idee kommen bestimmt sehr viele.

Filiz Tokat: Ja, ja. Also, dass sie ein Profil haben für das und Profil für das, das sind nicht Dinge, die ich nicht schon gehört habe. Ich würde mir diesen Druck nicht machen und sagen, ich brauche eine ganz hohe Medienkompetenz, um meine Kinder gut zu begleiten. Sondern als Eltern würde ich einfach empfehlen, zu sagen, ich bin interessiert, ich möchte es wissen und ich versuche auf Augenhöhe mit meinem Kind eben zu sprechen, ohne zu werten. Natürlich müssen Eltern auch Dinge entscheiden. Also da diese Balance auch zu finden, zu sagen, okay, das geht aber nicht. Also das geht jetzt in deinem Alter noch nicht oder das erlauben wir jetzt nicht, weil man natürlich auch die Pflicht hat, da auch danach zu gucken. Aber ich würde immer sagen, die Kinder mit einbeziehen. Und dann gibt es auch großartige Institutionen in Baden-Württemberg, die Eltern auch unterstützen, also interessiert sein. Angebote finden, die es auch gibt, Familienbildungsstätten, Volkshochschulen des Landesmedienzentrums. Da gibt es so viele kostenlose Veranstaltungen, die man eben auch besuchen kann. Mit anderen Eltern sich auch austauschen. Und das muss gar nicht pädagogisch ein wertvoller Tipp sein, sondern wenn es zum Beispiel darum geht, die erste WhatsApp-Gruppe zu haben. Wenn man das zum Beispiel beim ersten Elternabend in der fünften Klasse mit der ganzen Klasse bespricht und wenn man sich alle einig ist und sagt, wir möchten noch nicht, dass sie WhatsApp als digitalen Kanal eben auch nutzen, dann geht man zusammen diesen Weg, dann ist kein Kind irgendwie ausgeschlossen. Genau, da einfach nochmal mit anderen Eltern mit einzubeziehen, aber interessiert zu sein und neugierig zu sein und sich interessieren und die Kinder ernst nehmen.

Martin Hoffmann: Informationen und Anlaufstellen, die werden wir natürlich auch nochmal in die Show Notes reinpacken. Aber gerade auch, wie du sagst, naja, man muss das mit anderen Eltern besprechen. Wenn dann in der Klasse da Unterschiede entstehen, entsteht natürlich auch wieder eine andere Form von Druck. Und das eigene Kind könnte natürlich dann irgendwie in so einer Abseitsposition auch gedrängt werden. Das möchte man als Eltern natürlich auch überhaupt nicht. Jetzt zeigen verschiedene Studien, dass über einen oder durch einen übermäßigen Medienkonsum, Social Media wieder ganz oben mit dabei, Konzentration schwerfällt. Wie schaffe ich es denn, mein Kind wieder da hinzubekommen, dass es länger konzentriert arbeiten kann, sich mehr auf eine Sache auch wieder konzentrieren kann?

Filiz Tokat: Ganz wichtig ist, glaube ich, und das ist auch unabhängig von Social Media, das Handy alleine, wenn es nur auf dem Tisch liegt, da braucht ja noch gar nichts passiert zu sein, ist schon eine Ablenkung. Also das Gerät wirklich raus aus dem Zimmer zu nehmen, vielleicht einen Wecker zu stellen, also eine Aufgabe zu geben, die dann erledigt werden muss in 20 Minuten, wenn wir jetzt bei Hausaufgaben vielleicht auch bleiben, dann einen Wecker stellen, damit irgendwie nach 20 Minuten kurz Pause gemacht werden kann und sich dann wieder hinsetzt. Ich glaube schon, dass man dann schon wieder in diesen Zustand kommt, dass man sich wieder konzentrieren kann, auch mal längere Bücher zu lesen. Solche Dinge sind natürlich wichtig und auch wirklich schon auch aufpassen, wie viel Social Media dann auch genutzt wird. Weil man muss ja auch sagen, wenn man Social Media nutzt, je nachdem, wo man ist, alle haben ja eine andere Realität in ihren Handys. Und dann kommt es drauf vielleicht an, wenn... Ja, ich sag mal YouTube Kids angeschaut worden ist, ist es nicht Social Media in dem klassischen Sinn und man sich etwas Längeres dann angeschau, dann ist die Konzentration vielleicht gar nicht so hin, wie wenn es kurze TikTok Videos eben auch waren.

Martin Hoffmann: Also es kommt wirklich auch sehr auf den Inhalt von einem Content an und die Machart auch von dem Content. Welche Rolle spielt denn der familiäre Kontext, wenn wir über Medienkonsum sprechen? Also wie schaffe ich es vielleicht auch dann, als Familie den Gesamtkonsum so ein bisschen runterzufahren?

Filiz Tokat: Also deswegen die Regeln, die formuliert werden, die auch an die Eltern eben auch formuliert werden, wenn Eltern sich auch Regeln aufsetzen und die eben auch einhalten. Und das Thema muss schon auch immer wieder miteinander besprochen werden. Das hört sich total blöd an. Ich weiß, aber ich empfehle eigentlich immer Familienmedienkonferenzen, dass man irgendwie einen Tag hat, einen regelmäßigen Tag, an dem man genau diese Dinge bespricht. So was würde uns denn helfen? Was hilft dir? Was hilft mir? Was können wir tun? Und dass dann irgendwie Vereinbarungen getroffen werden bis zur nächsten Familienkonferenz. Um zu schauen, hat das irgendwie funktioniert. Ich weiß, das hört sich total nach Meetings an, aber das erinnert einfach Eltern noch mal daran, dass es ein stetiger Prozess ist, über den man reden muss. Und dann gibt es natürlich auch Methoden, wie gesagt, irgendwelche Apps, die dein Handy sperren. Ich habe gestern von irgendeinem Produkt gehört, das dein Handy ganz sperrt, wenn man es dagegen hält. Solche Dinge spielen eine Rolle, oder dass man sagt, wir haben einen medienfreien Sonntag. Da ist man nicht sehr beliebt bestimmt als Elternteile, aber solche Dinge, wir nehmen jetzt alle bewusst unseres Smartphones einfach nicht mit, einfach zu sehen. Man kann auch überleben ohne digitale Medien.

Martin Hoffmann: Das ging ja früher auch.

Filiz Tokat: Genau.

Martin Hoffmann: Um es mal ganz, ganz platt zu sagen. Und was meine Tochter, wenn die fragt, Papa, warum hast du dein Handy in der Hand? Ich probiere immer zu erklären, was ich da gerade mache. Also ich suche jetzt zum Beispiel über Google Maps, ich such eine Adresse raus oder ich muss noch eine E-Mail beantworten, dass ich versuche, das so transparent wie möglich zu machen. Aber ich ertappe mich natürlich auch dann in der Falle, ich habe das Smartphone in der Hand und bin dann länger dran, als ich eigentlich sein möchte. Wann komme ich denn an einen Punkt als Elternteil oder als Eltern, dass ich sage, okay, ich brauche Hilfe?

Filiz Tokat: Das Kind sollte man einfach auch beobachten und schauen, ob es sich verändert, ob irgendwelche körperlichen Beschwerden, unerklärliche körperliche Beschwerde da sind. Wenn es nicht mehr isst, trinkt, Leistungsabfall, eigentlich all diese Zeichen, die man zum Beispiel auch bei Mobbing dann auch benennt. Da kommen natürlich auch Lebensphasen hinzu. Irgendwie der Übergang in die Pubertät ist dann nochmal, wo sich das Wesen der Kinder eben auch verändert und es muss nicht gleich was heißen. Manche Dinge können einfach entwicklungsbedingt dann eben auch sein, aber wirklich ein Auge auf das Kind eben auch haben. Wie reagiert es, wenn irgendwie WLAN mal vielleicht ausfällt oder das oder kann das Smartphone zum Beispiel gar nicht weglegen. Ich glaube, dass da Eltern schon ein gutes Bauchgefühl haben und einfach verstehen, wenn irgendwas mit dem Kind ist. Ich glaube, dass man das fühlt. Aber dafür muss man, ja, drauf schauen.

Martin Hoffmann: Jetzt gibt es ja auch verschiedene digitale Tools und ich habe immer das Gefühl, wenn wir über Social Media sprechen, dann ist es eigentlich immer eher dieses Negative, was mitschwingt und es sind ja auch sehr, sehr viele negative Sachen dabei. Also das ist ja gar nicht, dass man das so tendenziös einfach macht. Aber es gibt ja auch digitale tools und zum Beispiel KI-Bots oder verschiedene KI-Anwendungen, die zum Beispiel auch beim Lernen unterstützen können. Welche Bedeutung spielen die gerade für junge Leute und was sind da vielleicht auch gute Beispiele?

Filiz Tokat: Also das spielt gerade einfach eine unglaublich große Rolle, weil die KI-Chatbots eigentlich in jeder Bevölkerungsgruppe eben auch angekommen sind. Wir haben gerade ein studentisches Projekt durchgeführt mit der Hochschule der Medien in Kooperation, weil uns interessiert hat, wie Jugendliche diese KI-Chatbots nutzen, die auf Social Media sind. Also Snapchat hat eine AI und Meta, also WhatsApp hat auch eine AI. Und da kam auch in diesem studentischen Projekt, kam auch raus, dass die gar nicht so viel Relevanz haben. ChatGPT, und das ist in den Umfragen überall, also ChatGPT ist so extrem dominant, dass sie da eben Lernen und Hausaufgaben eben auch damit machen. Wenn wir jetzt unabhängig von den Plattformen bleiben, also super wäre es, wenn wir einfach KI-Tools hätten, die in Deutschland auf Servern liegen, das wäre fantastisch. Aber wenn wir jetzt KI-Chatbots uns anschauen, dann bieten die natürlich total viel Potenzial. Da kommt es sehr auf die Aufgabenstellung an, die man macht. Also es gibt Schulen, die da schon Prompts rausgeben als Möglichkeit, für andere Schulen das zu nutzen, weil man damit einfach unglaublich facettenreich lernen kann. Also man kann das Lernen so interessant und attraktiv gestalten, wenn man genau die Aufgaben aber richtig stellt. Und von dem her denke ich, dass das das nächste ist, was auf uns eben zukommt. Und ich möchte jetzt gar nicht negativ werden, aber KI-Chatbots sind halt auch sehr nette Ansprechpartner, die immer verfügbar sind und wenn jetzt bei ChatGPT bleiben, auch immer sehr freundlich antworten und zugewandt sind, da bin ich gespannt, wie das wird. Auch da kann es Vorteile haben. Also wenn Personen einsam sind, niemanden zum Sprechen haben, dann kann es schon. Gut sein, wenn die Antwort von ChatGPT oder anderen KI-Boards fundiert ist und vielleicht auch erkennt, jetzt gibt es ein Problem und jetzt gibt's eine Nummer von einer Anlaufstelle und sonst nichts. Also das sind schon Fragestellungen, die uns jetzt erwarten und herausfordern werden, also da bin ich überzeugt davon.

Martin Hoffmann: Sollten wir auf jeden Fall weiterhin beobachten, gerade auch wenn wir über emotionale Probleme sprechen, wenn wir in die Richtung Depressionen auch gehen, wo eigentlich eher Therapeutinnen/Therapeuten Ansprechpartner sein sollten, dann wird es natürlich immer kritisch, muss man aber auf jeden Fall weiter beobachten. Vielen Dank.

Filiz Tokat: Dankeschön.

00:39:47: Habe da unglaublich spannend. Hab da ganz viel mitgenommen und werde definitiv nicht nur meinen Medien konsum, sondern auch den von meiner ganzen Familie... Ich glaube, da müssen wir mal kritisch sprechen. Danke dir.

Filiz Tokat: Dankeschön, vielen Dank.

Martin Hoffmann: Das waren wirklich zwei super spannende Gespräche, aber irgendwie auch so ein bisschen ernüchternd. Gerade wenn ich dran denke, was Benjamin Zierock über Medienkompetenz und zum Beispiel den Umgang mit Tablets, mit Smartphones und Social Media gesagt hat, als das alles aufkam, da haben wir mit der Vermittlung, wie man damit am besten umgeht, irgendwie total versagt und er meinte auch, naja, genau das Gleiche passiert auch gerade im Zuge von künstlicher Intelligenz. Und bei Filiz Tokat denke ich gerade nochmal an den Mediennutzungsvertrag. Das kann wirklich eine sehr coole Basis sein für Eltern und ihre Kinder, damit die gemeinsam aushandeln können. Wie viele und welche Medien konsumiert werden dürfen und dass sich beide Seiten auch dran halten sollten, dann finde ich auch sehr, sehr spannend. Wie ist denn bei euch? Also zu welcher Generation gehört ihr denn eigentlich? Und wie steht ihr zum Thema Social Media erst ab 16 Jahren? Schreibt es gerne mal in die Kommentare und tauscht euch aus. Ich bin wirklich gespannt, wie das Thema bei euch ankommt. Und wenn ihr tiefer einsteigen möchtet, dann schaut gerne mal in die Show Notes rein. Da haben wir natürlich wieder verschiedene Links und auch Informationen für euch zum Durchklicken zusammengetragen. Wenn ihr Anregungen habt, wenn ihr Fragen habt oder auch Themenvorschläge, dann könnt ihr die uns natürlich sehr gerne schicken. Am einfachsten, ihr postet das direkt unter den Podcast oder ihr schickt uns eine Nachricht bei Instagram @gesundnah und wenn ihr keine Folge mehr verpassen möchtete, ihr kennt das: Einfach Glöckchen an und dann habt ihr den Podcast abonniert und schon kann es losgehen. Ich würde mich freuen, wenn ihr auch das nächste Mal wieder dabei seid. Ich bin Martin Hoffmann, wir hören uns.

Outro: GESUNDNAH – der Gesundheits-Podcast der AOK Baden-Württemberg.

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