#46 Babyblues statt Elternglück.

Shownotes

Die Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt sind mit einer großen Hormonumstellung im Körper der Mutter verbunden. Viele frischgebackene Mütter erleben deshalb in den ersten Tagen nach der Geburt ein emotionales Tief, den sogenannten Babyblues. Bei etwa 10 bis 15 Prozent entwickelt sich daraus eine länger anhaltende Wochenbettdepression. Martin spricht dazu mit der Psychologin Dr. Mirjam Deffaa, die am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim arbeitet. Außerdem hat sich unser Moderator auf den Weg nach Filderstadt gemacht. Dort spricht er mit Julia Birnbaum, zweifache Mutter, die nach beiden Geburten mit einer Wochenbettdepression zu kämpfen hatte. Was das für sie bedeutet hat und wie es ihr heute geht, hört ihr in dieser Folge.

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Links zum Thema: Weitere Informationen zum Zentralinstitut für Seelische Gesundheit: https://www.zi-mannheim.de/index.html

Hier siehst du, welche Medikamente du während der Schwangerschaft und Stillzeit zu dir nehmen darfst: https://www.embryotox.de/

Ihr wollt noch mehr zu Babyblues und Wochenbettdepression erfahren? Dann schaut einmal hier vorbei: https://www.aok.de/pk/magazin/familie/geburt/ursachen-und-symptome-des-babyblues/ https://www.aok.de/pp/gg/update/familiencoach-depression-erweitert/ https://www.gesundheitsinformation.de/depressionen-nach-der-geburt-was-kann-helfen.html https://hebammen.at/eltern/wochenbett/wochenbettdepression/ https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/depression/wochenbettdepression https://www.frauengesundheitsportal.de/themen/psychische-erkrankungen/depression/wochenbettdepression/

Hier findest du Hilfe: https://www.schatten-und-licht.de/ https://selbsthilfe-ka.de/gruppen/selbsthilfegruppe-f%C3%BCr-frauen-mit-psychischen-belastungen-in-der-schwangerschaft-und-nach-der-geburt-2-verschiedene-gruppen/ https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/depression/wochenbettdepression/leben-mit

Transkript anzeigen

Intro: Unterwegs für die Gesundheit. GESUNDNAH – der Podcast der AOK Baden-Württemberg.

Martin Hoffmann: Endlich ist das Baby da. Das Familienglück scheint vollkommen. Viele verbinden die Zeit rund um Schwangerschaft und Geburt mit Glück und Liebe. Andere haben wiederum mit Stimmungsschwankungen, mit Traurigkeit oder mit dem Gefühl zu kämpfen, einfach nicht glücklich zu sein, obwohl äußerlich alles in Ordnung scheint. Vielleicht habt ihr ja schon mal vom sogenannten Babyblues gehört. Einem Stimmungstief, das in den ersten Tagen nach der Geburt auftreten kann. Und in gewisser Weise ist das ja auch vollkommen verständlich. Körper, Hormone, Alltag – alles verändert sich radikal. Diese Phase vergeht aber meist nach wenigen Tagen wieder. Ganz anders verhält es sich oft bei einer postnatalen oder postpartalen Depression. Das ist eine ernstzunehmende, länger anhaltende Form der Depression, die weit über die ersten Tage hinausgeht und professionelle Unterstützung braucht. Betroffen sind etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen nach der Geburt. Auch Männer können diese Form der Depression erleben, das tritt aber deutlich seltener auf. Ich bin Martin Hoffmann und in der heutigen Folge wollen wir genau hinschauen. Was unterscheidet Babyblues von einer handlungsbedürftigen Depression? Wie fühlen sich diese Zustände wirklich an? Und vor allem, welche Hilfe und Unterstützung gibt es? Julia Birnbaum ist zweifache Mutter. Nach beiden Geburten ist sie erst einmal in ein Loch gefallen. Die Diagnose 2022 und 2024 eine postpartale Depression, kurz PPD. Die PPD wird auch als Wochenbettdepression bezeichnet. Wie sie diese schwierigen und sehr dunklen Phasen in ihrem Leben überwinden konnte und wie es ihr heute geht, das möchte ich mit ihr nachher besprechen. Vorher geht es für mich aber nach Mannheim. Im Zentralinstitut für seelische Gesundheit bin ich mit Dr. Mirjam Deffaa verabredet. Sie ist Psychologin und psychologische Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Einer ihrer Schwerpunkte sind peripatale psychische Erkrankungen, also psychische Störungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Sie hilft mir zu verstehen, welche Ursachen Babyblues und Wochenbett-Depression haben, welche Warnsignale es gibt und wie und wann professionelle Hilfe absolut zu empfehlen ist. So, ich bin jetzt in Mannheim am Zentralinstitut für seelische Gesundheit, im vierten Obergeschoss. Und hier ist die Zentralambulanz und hier bin ich mit Doktor Mirjam Deffaa verabredet. Mirjam meinte, ich soll in den Raum 441 kommen. Behandlungszimmer.

Dr. Mirjam Deffaa: Hallo Martin, komm rein!

Martin Hoffmann: Hallo Mirjam, hallo. Mirjam, was passiert genau nach der Geburt eines Kindes im Körper der Mutter?

Dr. Mirjam Deffaa: Wir haben da verschiedene Bereiche, in denen sich was ändert. Wir haben einmal das tatsächlich Körperliche, da ist hormonelle Veränderungen, das kennen wahrscheinlich die meisten. Nach der Geburt steigt der Oxytocinspiegel. Das ist das sogenannte Bindungshormon. Das sorgt dafür, dass die Bindung und Beziehung zum Kind eine besondere Wertigkeit im Gehirn auch bekommt, löst auch Ängste und fördert Vertrauensbindungen. Schränkt auch Gedächtnisleistungen ein, das kennen wahrscheinlich auch viele Mütter, dass nach Geburten auf einmal die einfachsten Dinge auch wieder aus dem Kopf fallen. Das ist dieses hormonelle direkt nach der Geburt. Wir haben aber auch Hirnveränderungsprozesse. Im Hirn werden Bereiche, die auf die Reaktion des Kindes anspringen, nochmal besonders ausgebaut. Das Bedrohungsmonitoring, also gucken, wo sind Gefahren, wird auch verstärkt. Und auch das höhere Belohnungserleben bei Bindungserfahrungen. Also wenn man dann das Baby im Arm hat, dass das das wichtigste Signal im Gehirn ist, was hochpriorisiert wird. Das heißt, es ist das Körperliche, wir haben psychische Veränderungen. Da sind so Sachen wie auf einmal eigene Bedürfnisse hinten anstellen können, sich selber als ein Teil von einer Symbiose sehen. Ich bin nicht mehr nur die eigene Person, sondern zu mir gehört auch noch jemand dazu. Und dann gibt es auch noch ziemlich viele Erwartungen an sich selber. Psychisch.

Martin Hoffmann: Über welchen Zeitrahmen sprechen wir denn hier? Also geht das dann sofort los, Geburt, und dann setzt das alles sofort ein? Wie lange dauert das, bis diese hormonelle Umstellung zum Beispiel auch abgeschlossen ist?

Dr. Mirjam Deffaa: Die fängt an tatsächlich mit der Geburt. Das Oxytocin steigt zum Beispiel auch, um dann die Nachwehen zu fördern, die Nachgeburt anzuregen. Und dann haben wir so nach zwei bis vier Tagen den sehr großen Hormonswitch, dass da ein wirklich starker Abfall der Hormone, die eigentlich in der Plazenta produziert wurden, stattfinden. Das sind dann Hormonen wie Östrogen, HCP, HPL. Und die fallen ab, und die sorgen dann nach so zwei bis vier Tagen für den ersten wirklich größeren psychischen Stimmungsabfall. Also Stimmungsschwankungen können da eine Rolle spielen, aber auch eine erhöhte Reizbarkeit, auch dass man plötzlich grundlos weint, dass man vergesslicher wird, aber auch dass man sich selber wenig zutraut. Also so auf einmal ein unbekanntes Selbstvertrauensmangel, den man sonst eigentlich gar nicht von sich kennt. Und den man vielleicht auch nicht gar nicht in der Situation jetzt so einordnen kann. Das ist nach zwei bis vier Tagen. Und dann stabilisiert sich so langsam der Hormonhaushalt über die ersten sechs bis acht Wochen. Dann ist diese Phase des klassischen Wochenbettes vorbei. Und dann kommen viele andere psychische und soziale Anpassungsprozesse, die locker bis nach dem ersten Geburtstag des Kindes gehen.

Martin Hoffmann: Das heißt, wenn wir über Babyblues sprechen, sind wir so nach zwei bis vier Tagen, wo das dann so losgeht, also wo dieser hormonelle Abfall dann auf einmal wieder da ist, da geht das dann los.

Dr. Mirjam Deffaa: Also manche sagen auch, dass es tatsächlich schon einen Tag nach der Geburt losgeht. Aber wir sprechen beim Babyblues in Tagesspannen.

Martin Hoffmann: Warum sind dann eigentlich nur manche Frauen betroffen davon, wenn das doch eigentlich bei allen Frauen hormonell so aussieht?

Dr. Mirjam Deffaa: Das weiß man nicht so genau. Vieles rund um weibliche Gesundheit ist nicht gut erforscht. Wir wissen nicht so ganz genau, warum das nur einige der Mütter trifft. Wir haben tatsächlich aber Schätzungen, dass es vier von fünf Wöchnerinnen tatsächlich betrifft. Das heißt, es sind schon viele, es ist schon die Mehrzahl eigentlich. Aber dadurch, dass es keine Erkrankung ist, Babyblues ist ein Phänomen, was im Rahmen der natürlichen Geburts- und Anpassung im Wochenbett stattfindet, sodass wir dazu jetzt auch keine Prävalenzstudien haben, dass wir genau wissen, bei wem das irgendwie stattfindet und bei wemen nicht.

Martin Hoffmann: Wie zeigt sich der Babyblues genau?

Dr. Mirjam Deffaa: Mütter merken meistens, dass sie sehr irritierbar sind, dass alles, was irgendwie anders läuft, als sie sich das wünschen würden oder vorgestellt haben, ein Störgefühl auslöst. Damit einhergehend auch tatsächlich so eine emotionale Reizbarkeit, also dass man vielleicht nicht mehr so gut seinen Ärger und Wut regulieren kann, dass man in dem Moment dann auch vielleicht lauter wird oder anfängt zu weinen. Meistens wird auch so eine Unruhe, also eine innere Unruhe beschrieben und generell auch einfach eine Instabilität der Stimmung.

Martin Hoffmann: Ab wann spricht man denn jetzt von einer Wochenbettdepression?

Dr. Mirjam Deffaa: Eine Wochenbettdepression kann sich aus einem Babyblues entwickeln, muss aber nicht. Eine Wochenbaddepression ist eigentlich eine Depression, die sich nach der Geburt entwickelt. Das heißt, die Symptome sind genau gleich wie bei Depressionen sonst. Wir haben Interessensverlust, Stimmungsstörungen, also das heißt Niedergeschlagenheit, Gereiztheit, Antriebslosigkeit, Dinge wie sozialer Rückzug, kein Freudempfinden in sozialen Kontakten. Wir haben manche Menschen, die auch sehr unruhig motorisch werden, also die viel Bewegungsunruhe haben. Manche Menschen werden aber auch deutlich reduzierter in ihrer Bewegung. Da fällt jeder Bewegungsablauf schwer. Wir haben häufig dann auch Ängste und Grübelgedanken. Grübelgedanken hat man als junge Eltern sowieso häufiger mal.

Martin Hoffmann: Wollte ich gerade sagen, weil das hat man doch eigentlich sowieso.

Dr. Mirjam Deffaa: Genau.

Martin Hoffmann: Ich kenne niemanden und ich kenne keine frischgebackenen Eltern, die das nicht haben.

Dr. Mirjam Deffaa: Ja, die Grübelgedanken, die dann in der gesunden Anpassungsphase stattfinden, sind häufig Grübelgedanken, die man auf irgendeine Art und Weise auch wieder ziehen lassen kann. Also dann macht man sich Sorgen, ob das Kind jetzt genug wach ist oder ob es zu viel schläft. Aber man kann sich davon auch wieder lösen. Man kann, wenn es dann wach, ist man manchmal auch, ist doch in Ordnung jetzt. Aber wenn ich eine Grübelthematik habe, die im Rahmen einer depressiven Störung ist, Dann komm ich da gar nicht mehr raus, auch wenn das Kind dann wach ist an diesem Beispiel. Dann beschäftigt mich das die ganze Zeit weiter, obwohl es eigentlich mein Alltag und das, was ich jetzt gerade erleben könnte, stört. Und das ist tatsächlich in dem depressiven Grübeln dieses, dass es nicht anpassungsfähig ist, an was es gerade eigentlich von außen auch gebraucht ist.

Martin Hoffmann: Das heißt, wenn ich es richtig verstanden habe, die Wochenbettdepression hat jetzt erstmal nichts mit diesem hormonellen Abfall zu tun? Oder doch?

Dr. Mirjam Deffaa: Doch auch. Also es ist eben ein Risiko, dass durch diese hormonellen Umstellungen die Anpassung an das Elternwerden nicht richtig vollzogen werden kann und durch diese Umbauprozesse im Gehirn zum Beispiel sind wir auch deutlich empfindlicher für die Entwicklung von depressiven Kognitionen, also depressiven Gedankengängen. Das heißt, es ist schon ein, man nennt es prädisponierender Faktor. Also das heißt, das ist etwas, was das wahrscheinlicher macht, diese hormonelle Umstellung, dass die depressive Episode ausbricht.

Martin Hoffmann: Wenn wir noch mal den Schritt zurück machen zum Babyblues, wann sollte es denn eigentlich wieder besser sein? Also wann kann man sagen, okay, Babyblues ist abgehakt, ich bin jetzt eher wieder auf einem stabileren Level und mir geht es auch deutlich besser.

Dr. Mirjam Deffaa: Da würden wir schon sagen, dass man so in den ersten zwei Wochen wieder aus diesem tiefen Tief rauskommt. Man muss nach den zwei Wochen dann nicht auf dem Hoch seiner Stimmung sein. Aber dieses es gibt auch wieder bessere Tage und es ist in der Tendenz aufwärtsgehend.

Martin Hoffmann: Und wenn das nicht der Fall sein sollte, was mache ich dann?

Dr. Mirjam Deffaa: Dann ist die Frage, ob man selber vielleicht auch schon eine Vorgeschichte mit depressiven Episoden hat, weil wir unterscheiden zwischen einer erstmalig im Wochenbett auftretenden Depression und einer depressiven Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung. Für Menschen, die schon zuvor mit Depressionen zu tun hatten, die kennen ganz häufig auch, was ihnen guttut und was sie für Strategien haben. Da ist die Empfehlung, zu schauen, was hat mir in anderen Phasen schon mal geholfen. Wir befinden uns ja noch in einer Phase, wo es auch einfach aus dem Babyblues in der natürlichen Entwicklung rausgehen kann. Für Menschen, die erstmalig sowas erleben, ist es häufig auch beängstigend. Da hilft es total, auch mit anderen zu sprechen, weil wir erleben häufig, dass junge Mütter vielleicht auch manchmal Vorstellungen haben, die nicht so ganz realistisch sind, wie schnell man voller Liebe und Freude sein muss nach so einer anstrengenden Phase wie einer Geburt. Das heißt da sprechen, mit anderen geht es euch ähnlich, habt ihr sowas auch schon mal erlebt. Auch sprechen mit der Hebamme, mit Gynäkologen, da können häufig die Systeme außenrum auch ein bisschen helfen, Sachen einzuordnen. Und was wir auch häufiger haben es, dass Mütter sich dann isolieren oder gar nicht aktiv isolieren, aber isolierter sind. Da kann es auch helfen, sich die sozialen Kontakte auch einzufordern, die man dann braucht.

Martin Hoffmann: Gibt's da so typische Verhaltensmuster, so Warnsignale, die du auch jetzt in deiner Arbeit immer mal wieder entdeckt hast, die vielleicht so ein bisschen auch, dass manche werdenden Mütter vielleicht auch da jetzt, die es hören und sagen OK, ah, OK, damit kann ich vielleicht abgleichen. In so eine Richtung geht es bei mir vielleicht auch.

Dr. Mirjam Deffaa: Ich zöger so ein bisschen, weil ich an vielen Stellen auch eine erhöhte Besorgnis immer wieder wahrnehme, dass Dinge vielleicht nicht so laufen, wie sie laufen sollten. Und ich immer wieder wahrgenommen habe, dass das Elternwerden ganz individuell ist und dass das auch einfach sein darf, wie es ist. Und ich gerne diesen Abgleich, ist das normal bei mir, Menschen so ein bisschen abnehmen würde und sagen: Wenn es sich gut oder okay anfühlt, dann ist das in Ordnung für dich. Das heißt, ich kann jetzt nicht so diese eine Sache nennen, wo ich sagen würde, oh, da müsst ihr aufpassen. So eine Tendenz ist, wenn man merkt, man macht die Dinge, die einem guttun, nicht mehr gerne und hört die dann auch auf zu tun. Dann würd ich sagen, achtet auf euch. Zum Elternsein oder zum Muttersein braucht es auch, stabil und zufrieden mit sich zu sein. Genau, das ist so ein Wunsch, den ich hab, dass man da sich nicht abgleicht, sondern für sich selber guckt.

Martin Hoffmann: Wie sieht es denn eigentlich mit der Rolle von der Gesellschaft aus? Also gesellschaftlicher Druck, die Erwartungen sind ja unglaublich hoch an werdende Eltern oder die frisch gebackenen Eltern. Also da ist ja dieses, die müssen jetzt eigentlich unglaublich glücklich sein, weil sie haben jetzt alles Glück dieser Welt, dieser Erde irgendwie, sind jetzt eine Familie geworden. Welche Rolle spielt so ein Druck, der da aufgebaut wird?

Dr. Mirjam Deffaa: Wir erleben das schon, dass da viele eigene Erwartungen auch mitgeprägt werden und dass dann junge Eltern, junge Mütter ganz besonders auch immer wieder in Schuldgefühle fallen, wenn es sich nicht so anfühlt oder wenn sie nicht in der Lage sind, nach einer anstrengenden Geburt sofort danach wieder dafür zu sorgen, dass die Wohnung gut aussieht oder dass sie selber vielleicht auch aussehen, wie als hätten sie keinen Säugling. Das sind schon Erwartungen oder Bilder, die nicht immer der psychischen Gesundheit guttun. Und gleichzeitig ist es auch eine Herausforderung, aber auch eine Lernherausforderung, die viele junge Eltern gehen, sich davon ein bisschen loszumachen, weil das im Laufe eines Elternlebens ja immer wieder eine Rolle spielen wird, dieser Abgleich. Und auch dieses Scheinbild, was erzeugt wird. Genau, wir haben das schon häufig als Thema, dass auch wenig Geduld mit sich selber vorhanden ist. Was gar nicht schwer nachvollziehbar ist, wenn man einige dieser Bilder, die in sozialen Medien kursieren, oder Erwartungen, die sich in Familien formuliert werden, so sich anschaut, das ist manchmal ganz schön hart, was da an Erwartung gleichzeitig auf junge Mütter so einprasselt, oder auch junge Eltern.

Martin Hoffmann: Wollte ich gerade sagen, also ich glaube, Social Media ist da natürlich ein riesiges Fenster, was man da aufmachen kann. Der Druck, der da aufgebaut wird, dieses Perfekte, was einem immer davor gehalten wird. Aber wie du sagst, ich glaube die eigene Familie, ich glaub, da gibt es genug eigene Baustellen. Da muss man, glaube ich, Social Media gar nicht aufmachen. Was kann man denn machen bei Babyblues? Was kann ich denn machen, bei einer Wochenbettdepression? Wie sieht da, wie sehen da Behandlungsmöglichkeiten aus? Geht es da auch in so eine medikamentöse Richtung?

Dr. Mirjam Deffaa: Genau, also wir können mittlerweile sowohl medikamentös als auch psychotherapeutisch bei Wochenbettdepressionen behandeln. Da gibt es mittlerweile wirklich auch gut erforschte Psychopharmaka. Und psychotherapeutisch gibt es auch Möglichkeiten, sowohl was Einzelpsychotherapie angeht als auch beispielsweise in Selbsthilfevereinigungen. Da ist zum Beispiel Schatten und Licht ist eine große Selbsthilfevereinigung in Deutschland. Da gibt es auch Fachkräftelisten oder Fachleutelisten. Das heißt, da kann man nachgucken, was gibt es bei mir in der Region so. Dort gibt es Selbsthilfegruppen und aber auch Informationsmaterial, auch Selbsttests zum Beispiel. Das ist wirklich eine Quelle, die ich gerne empfehle. Und tatsächlich häufig haben wir eine gewisse Skepsis Medikation gegenüber in Schwangerschafts- und Stillzeit. Das ist was, da empfehle ich, sich beraten zu lassen, auch vorsichtig beraten lassen und abzuwägen, was sind Kosten und Nutzen. Wir haben nämlich auch so immer mal wieder das Thema, dass Menschen, die gut und zufrieden leben können unter Medikation, also die beispielsweise eine Weile Antidepressiva nehmen oder Medikamente, die bei Angststörungen oder Zwangsstörungen helfen und dann werden sie schwanger und dann werden die Medikamente sofort abgesetzt aus Sorge davor, dass man Medikamenten nimmt, die für das ungeborene Kind ungesund sind. Das ist ein wichtiger Aspekt, sich da gut beraten zu lassen. Natürlich möchte keiner Medikamente nehmen, die irgendwie schädlich sind. Es gibt aber mittlerweile auch gute Forschungsergebnisse. Welche Medikamente können wir geben, welche nicht. Das heißt, auch wenn sie aktuell Medikationen nehmen und planen schwanger zu werden, Kinderwunsch haben, lassen Sie sich da auch gerne frühzeitig beraten. Da gibt es auch gute Möglichkeiten, dass auch dieser Wechsel zwischen ich nehme Medikamente und mir geht es gut und ich werde schwanger und dann habe ich auch immer viele Herausforderungen und auch keine Medikamente als Unterstützung nicht so ein Risiko darstellt, wenn man halt zu erkranken.

Martin Hoffmann: Und wahrscheinlich ist ein von 100 auf 0 absetzen nicht immer die beste Variante, sondern so ein Ausschleichen?

Dr. Mirjam Deffaa: Genau, da würde ich einfach empfehlen, mit der Behandlerin, dem Behandler gut Rücksprache zu halten. Und es gibt zum Beispiel Embryotox, das ist eine Seite von der Charité in Berlin, die haben aufgezählt alle Arzneimittel, zu denen Forschungsergebnisse vorliegen. Da wird dann auch gezeigt, was sind vielleicht alternative Arzneimittel, also nicht nur Psychopharmaka, da gibt es wirklich mittlerweile gute. Möglichkeiten, sich auch zu informieren und keine Angst davor, wenn das abgeklärt ist und Fachpersonen empfohlen haben, weiterzunehmen. Man kann auch gute, gesunde Schwangerschaften mit Medikation als Unterstützung durchstehen.

Martin Hoffmann: Wie kann denn das das eigene Umfeld unterstützen?

Dr. Mirjam Deffaa: Die können ganz viel unterstützen, auf ganz verschiedene Arten und Weisen. Häufig ist am Anfang, wenn Partnerinnen, Freundinnen bemerken, hier läuft was anders oder was ich meiner Freundin, meinem Partner anders wünschen würde, dass sie die erste Referenz sind, dass man die Person auch darauf anspricht und sagt, Mensch, du wirkst irgendwie anders. Du wirkst so, als hättest du keine Freude mehr an den Dingen, die dir früher mal Spaß gemacht haben oder so, als wäre vieles sehr anstrengend für dich, das drauf ansprechen und damit den Raum für Gespräche eröffnen. Das ist tatsächlich was, da können Angehörige und Freunde eine Rolle spielen. Das haben wir wirklich häufig, dass Menschen dann kommen und sagen, mein Partner hat das dann auch festgestellt. Und in dem Moment habe ich gemerkt, okay, das ist dann doch auch ein Thema, in dem ich mich gerne unterstützen lassen möchte. Oder mir ist es eigentlich gar nicht so arg aufgefallen. Aber meine Freunde haben dann gemerkt, das ist tatsächlich schon auch etwas, wo es einfach auch, weil es so eine besondere Ausnahmesituation ist, helfen kann, wenn man von außen dann auch die Informationen bekommt, wie bei anderen das so wirkt.

Martin Hoffmann: Wann sollte ich mir denn professionelle Hilfe suchen?

Dr. Mirjam Deffaa: Ich würde da empfehlen, tatsächlich auf zwei verschiedenen Ebenen vorzugehen. Das eine ist die Unterstützung, die ein bisschen unspezifischer ist. Es gibt eben die Netzwerke der frühen Hilfen, da sich zu informieren, was gibt es für Möglichkeiten von niederschwelligen Hilfsangeboten oder auch Treffs und Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen. Das ist so ein bisschen das, was nicht im Gesundheitssektor an sich ist.

Martin Hoffmann: Ein bisschen Selbsthilfegruppen in so eine Richtung gehend?

Dr. Mirjam Deffaa: Ja, auch so Sachen wie Krabbelgruppen oder vielleicht tatsächlich eine Verlängerung der Hebammenunterstützung oder solche Themen, die jetzt nicht ganz spezifisch auf einen psychiatrischen oder psychotherapeutischen Feld gehen. Und dann haben wir nämlich den anderen Bereich, die psychiatrisch-psychotherapeutische Unterstützung. Da ist es einfach so, dass wir zu wenig Angebote haben und deshalb Wartezeiten leider manchmal relativ hoch sind. Es gibt bei Schatten und Licht in der Fachleuteliste, sieht man welche Einrichtungen in der Region beraten oder auch sich darin auskennen, aber es gibt auch die Möglichkeit beim Hausarzt und Gynäkologen nachzufragen und bei der eigenen Krankenkasse, das empfehlen wir auch immer, weil es gibt manche Kooperationsverträge zum Beispiel bei den großen Krankenkassen und die Möglichkeit sich auch online beraten zu lassen, bieten auch manche Krankenkassen an, sodass man da schauen kann, was passt für mich jetzt gerade. Wenn schon mal eine Psychotherapie oder eine psychiatrische Behandlung stattgefunden hat in der Vorgeschichte, empfiehlt es sich auch immer, die Person nochmal zu kontaktieren, weil man häufig dann nicht auf der ganz langen Warteliste steht, sondern als erneuter Kontakt im Praxismanagement aufgeführt wird.

Martin Hoffmann: Mirjam, vielen, vielen Dank dir.

Dr. Mirjam Deffaa: Sehr gerne.

Martin Hoffmann: Vier von fünf Frauen sind vom Babyblues betroffen und trotzdem ist es immer noch ein absolutes Tabuthema. Ich bin jetzt gerade auf dem Weg nach Filderstadt zu Julia Birnbaum. Julia ist zweifache Mutter und nach beiden Geburten war sie in therapeutischer Behandlung. Als wir für diese Folge nach einer Protagonistin gesucht haben, die uns beschreiben kann, wie sich diese dunkle Zeit anfühlt, sind wir auf den Verein Schatten und Licht gestoßen. Das ist eine Selbsthilfeorganisation, die sich bundesweit um Frauen mit postpartalen psychischen Erkrankungen kümmert. Der Verein hat einen Aufruf gemacht und Julia hat sich direkt gemeldet. Den Kontakt zu Schatten und Licht, den findet ihr natürlich auch in den Shownotes. So, ich bin jetzt in Filderstadt Bernhausen und hier bin ich mit Julia Birnbaum verabredet. Und jetzt muss ich mal gucken. Wir haben gesagt, wir treffen uns vor der AOK hier. Hier ist es schon. Hallo, Julia, hallo.

Julia Birnbaum: Hi Martin, voll cool, dass du kommst. Bei mir daheim ist es ein bisschen wild mit den beiden Kids. Ich glaube, es ist besser, wenn wir hier in Ruhe sprechen. Ich freue mich.

Martin Hoffmann: Julia, wie hast du denn die ersten Wochen nach der Geburt deines ersten Kindes erlebt?

Julia Birnbaum: Also wenn du mich nach einem Wort fragen müsstest, was ich antworte, dann würde ich wahrscheinlich sagen, es war Horror. Es war der reinste Horror. Gestartet in die Schwangerschaft, bin ich eigentlich ganz entspannt. Ich hatte mir immer ein Kind gewünscht und hatte immer so das Ziel, Mama zu sein und auch im Kopf immer der Gedanke, wenn ich meine Mama bin, dann ist alles gut. Und so bin ich auch in die Schwangerschaft und in die Geburt reingegangen. Meine Tochter kam dann etwas zu früh und auch mit einem Gewicht, was man jetzt nicht unbedingt erwartet hätte, eher zu leicht. Und ja, so kam eins ums andere kurz nach der Geburt, dass mich eine Ärztin darauf angesprochen hätte, was ich denn gemacht hätte, dass mein Kind so leicht auf die Welt kommt. Und dann ging natürlich relativ schnell der Abpump- und Zufütter-Marathon im Krankenhaus los, weil das Gewicht einfach immer weiter runterging. Und ich hab dann innerlich sehr schnell in mir diesen Druck gespürt, was mache ich denn eigentlich falsch? Und diese Unsicherheit am Anfang, überhaupt nicht zu wissen, was braucht mein Kind, was brauche ich? Und ich weiß auch noch, dass ich sehr, sehr wenig geschlafen habe, wenn überhaupt eine Stunde in den ersten drei Tagen nach der Geburt und auch schon vor der Geburt zwei Nächte nicht, bis es dann eben losging, mit Fruchtblase geplatzt, bis zur Geburt, waren es auch schon zwei Tage. Und so hat sich das hingezogen, dass ich dann überhaupt nicht zu Schlaf kam. Und im Endeffekt habe ich dann schon im Krankenhaus nach drei Tagen meine erste Panikattacke bekommen, nachdem ich dann mal zum Schlaf kam und wieder aufgewacht war, weil mein Körper eigentlich am Ende war. Und ich da schon das Gefühl hatte, irgendwas stimmt hier gerade überhaupt nicht. Aber ich konnte das natürlich alles gar nicht einordnen.

Martin Hoffmann: Hast du dich vorher schon mal irgendwie mit dem Thema Babyblues, Wochenbettdepressionen irgendwie auseinandergesetzt?

Julia Birnbaum: In meinem Vorbereitungskurs, den ich bei einer Hebammenpraxis gemacht habe, war dieses Thema auch kurz angesprochen. Und ich habe auch einige Bücher gelesen. Ich dachte aber immer, ja, okay, das gibt es, aber das betrifft mich sicher nicht, weil ich will ja auf jeden Fall Mama werden. Und ich hab auch mit Kindern immer schon gerne gearbeitet. Und deswegen war das für mich, das kann schon sein, dass es jemanden betrifft, aber mich nicht. Und deswegen habe ich mich damit auch davor gar nicht auseinandergesetzt.

Martin Hoffmann: Wann hast du aber für dich gemerkt, okay, also irgendwas stimmt hier, das läuft gerade nicht so ab. Ich sage jetzt nicht, wie du dir das vorgestellt hast, aber wie es eigentlich ablaufen sollte, so grob vom Zeitplan her.

Julia Birnbaum: Ja, ich habe relativ schnell, nachdem wir aus dem Krankenhaus es war, nach vier Tagen durften wir aus dem Krankenhaus raus. Und am fünften Tag morgens hatte ich schon keine Kraft, aus dem Bett aufzustehen. Und ich habe immer gesagt, irgendwas ist hier falsch. Und ich bin dann auch in der Nacht ins Krankenhaus gekommen. Und auch in dieser Nacht, in der ich dann im Krankenhaus war, hat mir die Krankenschwester nicht wirklich Mut zugesprochen, sondern eher gesagt, ja, jetzt haben sie Sorgen, weil das Kind so klein ist und mit 18 haben sie Sorge, dass es nicht heimkommt. Und das hat mir natürlich in dem Moment gar nichts geholfen. Ich bin einfach nicht zur Ruhe gekommen. Ich konnte nicht schlafen. Ich wusste, ich hatte den Druck, ich muss zu Schlaf kommen. Sonst kann es mir nicht gut gehen. Und ich wusste daheim ist mein Mann mit einem neugeborenen Kind. Ich bin nicht in der Lage zu stillen, weil ich jetzt momentan gar nicht bei meinem Kind sein kann. Und trotzdem hatte ich immer das Gefühl, es hängt mit meinem Körper zusammen. Und dann bin ich wieder nach Hause. Zwei Wochen ging es dann daheim so lala. Und nach zwei Wochen hatte mein Mann sein Urlaubsende und ich war mit meiner kleinen Tochter allein daheim. Und dann kam noch mal so ein großes Erwachen, so von wegen, ich soll jetzt den ganzen Tag mein Kind irgendwie versorgen, hab eigentlich selber keine Kraft. Und dazu kam, dass meine Tochter leider kein Anfängerbaby war in dem Sinne, sondern sehr, sehr viel Körperkontakt gebraucht hat. Ich musste den ganzen Tag rumlaufen und sie zur Ruhe bringen. Sie hat sehr viel geschrien, tagsüber vor allem. Und da hab ich als, ja, eher feinfühlige Person, auch sehr Schwierigkeiten damit gehabt, weil ich natürlich immer das Gefühl hab, irgendwas stimmt mit ihr nicht, sie braucht irgendwas, was ich ihr vielleicht nicht geben kann. Und hab mir natürlich dann auch wiederum Vorwürfe gemacht. Und schlussendlich, nach diesen drei Wochen, war es wirklich meine Schwiegermutter, die dann eines Morgens gesagt hat, du, kann das nicht sein, dass es so eine Wochenbettdepression ist. Und ich hatte mir dann im Internet wirklich gegoogelt, Wochenbettdepression und habe mir die Symptome durchgelesen und bin in Tränen ausgebrochen und mir war klar, es hat überhaupt nichts mit meinem Körper zu tun. Da ist alles in Ordnung, aber der Kopf ist einfach krank.

Martin Hoffmann: Wie war dein Weg zu der Diagnose? Von dieser Verdacht ist da. Begründet natürlich von dir, von deiner Schwiegermutter bis hin, du hast dann wirklich, okay, du weißt es, so ist es.

Julia Birnbaum: Ich hatte eine Bekannte aus unserer Gemeinde, die auch Hebamme war, aber nicht meine eigene, leider, im Nachhinein. Und da wusste ich, die kennt sich damit aus. Als ich dann wusste, was es ist, habe ich die kontaktiert und die kam zum Glück sehr schnell und wusste dann direkt, an wen sie mich da hinschicken kann. Und dadurch bin ich dann zu einer super Psychiaterin gekommen, die natürlich meinen labilen Zustand direkt erkannt hat und auch direkt wusste, was machen, also dass es ohne Medikamente wahrscheinlich nicht weggehen wird. Und zeitgleich habe ich auch eine super Psychiaterin kennengelernt, die eine Müttergruppe leitet und dann bin ich quasi zeitgleich zu der Medikamenteneinnahme in eine Müttergruppe gekommen. Und in dieser Mütterngruppe waren wir sechs Frauen, die alle betroffen waren von der Wochenbettdepression. Das war einfach ein genialer Ort, um sich auszutauschen, um sich nicht alleine zu fühlen, um auch mehr über die Krankheit zu erfahren und zeitgleich die Medikamente, die anfangs schwierig waren und dann aber geholfen haben und so alles seinen Weg gegangen ist.

Martin Hoffmann: Von welcher Zeitspanne reden wir denn gerade? Also ich stelle mir das auch wirklich schwierig vor. Das klingt so ein bisschen auch nach Zufällen. Du hast dann irgendwie eine Psychiaterin kennengelernt, die Müttergruppe auch noch. Also irgendwie alles, was dann auch perfekt passt. Also wann hast du die genau kennengelernt? Wie lange hat es gedauert nach deinem Du-kommst-ins-Kranken-Haus-mit-Verdacht-auf-Wochenbettpepression? Bis du die dann kennenlernst, bis du dann Medikamente bekommst, bis du da merkst, ok, da passiert was, mit geht es besser so langsam.

Julia Birnbaum: Ja, du sagst es, Zufälle ist gut. Ich habe irgendwie für mich das als eine besondere Zeit auch in meinem Leben und in meinem Glauben auch irgendwie erlebt, weil ich sage, als gläubige Christin waren das keine Zufällen, weil es eben so gepasst hat alles und so perfekt gegangen ist. Und da bin ich der vollen Überzeugung, dass da auch echt Gott am Wirken war. Und es war so, dass ich wirklich sehr schnell einen Termin bei der Psychiaterin bekommen habe. Ich glaube, es waren zehn Tage, die ich auf den Termin gewartet habe. Zehn schlimme Tage. Und dann aber das Wissen, okay, es gibt was, was mir hilft, das hat zumindest schon mal gutgetan, auch wenn ich das in dem Moment nicht sehen konnte, weil die Hoffnungslosigkeit so groß war. Leider war es dann so, dass wir erst zwei Medikamente testen mussten, die nicht funktioniert haben. Bei der ersten hatte ich solche großen Nebenwirkungen, dass ich sie absetzen musste. Und bei der zweiten hat man gemerkt, die schlägt nicht an. Und das dauert natürlich bei den Medikamenten immer eine Weile. Und bis ich dann wirklich mein Medikament hatte, was mir im Endeffekt geholfen hat, waren es acht Wochen. Und bis das dann angeschlagen hat, kann man sagen, so nach drei Monaten. Und dann war es aber wirklich so im Zusammenspiel mit der Müttergruppe und dem Leben mit der Krankheit war es eigentlich ein recht kurzer Zeitraum, in dem ich wirklich krank war. Es waren insgesamt dann drei Monate und nach den drei Monaten war ich quasi wieder die Alte.

Martin Hoffmann: Das heißt, nach drei Monaten auch die Medikamente abgesetzt wieder oder die sind weiter gelaufen?

Julia Birnbaum: Ja, die Medikamente... Man sagt, das erste Jahr in einem Leben von einem Kind oder ja, in einem Leben als Mama ist sehr herausfordernd. Es kommen immer wieder Herausforderungen. Und deswegen sagt man bei einer Wochenbettdepression, dass man die Medikamente wirklich ein Jahr nehmen sollte und dann gucken kann, wie man sie absetzt. Und genau, wir haben dann den noch abgewartet und mit, ich glaube knapp eineinhalb Jahren haben wir es dann schrittweise abgesetzt und dann habe ich auch keine mehr gebraucht.

Martin Hoffmann: Jetzt hast du vorhin gesagt, dass die Medikamente ja auch erstmal getestet werden mussten, ob die bei dir anschlagen und du hast von Nebenwirkungen gesprochen. Was waren denn die Nebenwirken, dass du gesagt hast, geht gar nicht?

Julia Birnbaum: Beim ersten Medikament hatte ich eine extreme Übelkeit. Ich hatte sowieso oft Übelkeit, auch von der Depression, und die wurden extrem verstärkt. Ich konnte sowieso wenig essen. Die Appetitlosigkeit war ein großes Symptom der Wochenbettdepression. Und das war so schlimm, dass ich ja kaum was zu mir nehmen konnte. Und das hat man dann auch nicht lange durchgezogen. Und beim zweiten Medikament war es wirklich so, dass die Symptomatik verstärkt war, dass in der Zeit sogar zu suizidalen Gedanken kam und man gemerkt hat, okay, das schlägt einfach nicht an. Wir müssen die Kreislaufspirale der Depression jetzt wieder unterbrechen mit einem anderen Medikament.

Martin Hoffmann: Ich meine, da ist ja wirklich Alarmstufe rot, also mehr geht ja eigentlich gar nicht. Wie hat denn dein Umfeld, Familie, Freundinnen, Freunde, dein Mann, wie konntest du überhaupt unterstützt und aufgefangen werden? Wie ging das?

Julia Birnbaum: Also, ich muss sagen, da habe ich wirklich durchweg positive Erfahrungen gemacht. Ich bin sowieso ein Mensch, der sehr authentisch ist und sein möchte und ich habe relativ schnell mit offenen Karten gespielt und ich hab wirklich viel, viel Unterstützung bekommen. Meine Eltern, meine Schwiegereltern, die wohnen zum Glück alle hier vor Ort und waren immer da, wenn ich sie gebraucht habe. Und mein Mann konnte arbeiten gehen, sodass ich nicht allein sein musste, weil ich immer meine Familie um mich herum hatte. Es gab wirklich Zeiten, da konnte ich meine kleine Tochter nicht mal auf den Arm nehmen, weil ich die Kraft dazu nicht hatte. Und da war es für mich wirklich ein Segen, dass meine Mama ganz, ganz oft kam und wirklich von morgens bis abends bei mir war, bis mein Mann wieder kam.

Martin Hoffmann: Wie ging es denn bei dir und bei euch dann weiter? Also du bist zweifache Mama. Du hast im Mai 2024 hast du mir vorhin gesagt, ist deine zweite Tochter auf die Welt gekommen ist. Wenn ich mir, wenn ich mir das anhöre, was bei der ersten Schwangerschaft, bei der ersten Geburt alles, alles passiert ist, was danach passiert ist. Also ich frage mich gerade so ein bisschen... Also ich kann total verstehen, dass man ein zweites Kind haben möchte. Ich kann das sehr, sehr gut nachvollziehen. Wie hast du die Frage für dich und wie habt ihr die Frage für euch beantwortet? Weil die Gefahr ja natürlich da ist, dass das alles alles nochmal kommt. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Julia Birnbaum: Ja, das ist wirklich eine spannende Frage, vor allem, weil als meine große Tochter ein Jahr alt war, da hätte ich mir das wirklich noch nicht vorstellen können. Und ich habe immer gesagt, ich weiß nicht, ob ich das überhaupt jemals noch mal schaffe. Und dennoch war ich so gut aufgehoben, auch bei meiner Psychotherapeutin, dass ich das Gefühl hatte, es ist sozusagen eine Krankheit, die eine gewisse Zeit da ist, die auch extrem schlimm ist. Aber selbst wenn sie nochmal kommen sollte, dann weiß ich jetzt zumindest, was mir geholfen hat, dann weiß ich auch vielleicht, was ich anders machen würde. Und deswegen war ich dann doch relativ schnell, dann mit eineinhalb Jahren, wieder bereit für ein zweites Kind, weil ich mir das immer so unendlich gewünscht hab, dass meine Tochter kein Einzelkind bleibt. Und ich gedacht hab, das schaffen wir irgendwie zusammen.

Martin Hoffmann: Und dann ist es ja auch so gekommen, eigentlich. Also dann nimm uns mal mit in die Zeit, kurz vor der Geburt, was da deine Gedanken auch waren, deine Ängste vielleicht auch waren.

Julia Birnbaum: Ja, die Schwangerschaft war nicht ganz so frei natürlich wie bei meiner ersten Tochter und trotzdem war ich immer sehr positiv eingestellt. Ich habe mich wirklich viel damit auseinandergesetzt, was damals vielleicht falsch gelaufen ist, was ich anders machen möchte. Ich wusste genau, wie der Plan ist, wenn es mir nicht gut gehen sollte und ich wusste ja auch immer im Hinterkopf. Ich habe ein Medikament und es hat mich wirklich aus der Depression rausgeholt und es wirkt. Und das war für mich so diese Sicherheit, die ich hatte. Und die spannendste Frage, die mich die ganze Schwangerschaft über beschäftigt hatte, war eben, nehme ich das Medikamente direkt nach der Geburt. So wie es meine Psychiaterin mir empfohlen hatte. Und für mich war es aber sehr schwierig, die Entscheidung zu treffen, das Medikament zu nehmen. Weil ich dann wusste, dann werde ich nicht stillen können. Dann entscheide ich mich quasi aktiv gegen das Stillen. Und das war für mich sehr schwierig. Und ich glaube, das ist eben dieser Druck, der auch von der Gesellschaft kommt zum Thema Stillen, dass das eben das Beste ist für die Kinder. Und da habe ich sehr gerungen. Und im Nachhinein würde ich das jetzt vielleicht anders entscheiden. Aber in dem Moment habe ich so entschieden und ich habe gedacht, ich möchte es versuchen. Und ich weiß ja, wenn es abwärts gehen sollte nach der Geburt. Dann habe ich das Medikament und dann kann ich es nehmen. Und deswegen habe ich erstmal die Geburt und die Zeit danach ohne das Medikament gestartet.

Martin Hoffmann: Und wann hast du dann für dich gemerkt, okay, es geht nicht so weiter?

Julia Birnbaum: Die Zeit nach der Geburt, die ersten drei Wochen, waren im Vergleich zu der nach der ersten eine richtig schöne Zeit. Mir ging es richtig gut und ich habe wirklich nach den drei Wochen gedacht, also das habe ich überstanden dieses Mal, habe ich es ohne geschafft. Und dann kamen einfach wieder Einflüsse, auf die ich wenig Einfluss hatte. Von außen, ich hatte Brustentzündungen, war wieder in der Klinik mit über 40 Fieber. Und einem Baby, was ich mitnehmen musste, weil ich ja gestillt hab und mich nicht schonen konnte. Und dann noch im Hinterkopf, dass mein Mann jetzt keine Elternzeit mehr hat ab nächster Woche und ich dann mit zwei Kindern, die beide sehr bedürfnisstark sind, daheim. Ich glaube, das waren so die zwei größten Faktoren, die dazu geführt haben, dass ich relativ schnell wieder gemerkt hab, meine Kraft lässt nach. Ich hab wieder Schwierigkeiten mit dem Aufstehen, meine Freude sinkt. Und die innerliche Unruhe geht wieder los. Und das Gute war, dass ich da dann relativ schnell gesagt habe, okay, also dann muss jetzt das Medikament doch her.

Martin Hoffmann: Wie geht's dir denn heute?

Julia Birnbaum: Ich würde sagen, mir geht es echt gut. Natürlich hat mich die Zeit sehr geprägt. Und die beiden Wochenbettdepressionsphasen waren sehr, sehr tiefe Täler, durch die ich gehen musste. Und trotzdem hab ich da auch viel gelernt. Über mich und über meine Kinder auch. Und ja, sie haben mich aber stark gemacht, würde ich sagen. Und ich gehe jetzt mit einer ganz anderen Haltung, auch durch meinen Alltag. Ich bin viel, viel dankbarer geworden, auch für Kleinigkeiten. Und mein Glaube hat sich dadurch auch nochmal verändert, ist gefestigter geworden. Ich muss sagen, auch wenn die Zeiten schlimm waren und ich sie wirklich nicht nochmal erleben möchte, ist auch was Gutes draus entstanden.

Martin Hoffmann: Wie würdest du sagen, hat sich eure Familie oder der Zusammenhalt in der Familie durch diese zwei Phasen auch nochmal verändert?

Julia Birnbaum: Das ist ein spannendes Thema. Es sind ja immer viele Bedürfnisse, auch von vielen Menschen dann irgendwie unter einen Hut zu bringen. Und das war wirklich nicht immer leicht. Es gab zwischenzeitlich auch Streitigkeiten, weil die Erwartungen von meinem Mann zum Beispiel andere waren, wie die von meinen Eltern. Und das ist auch was, was uns bis heute noch beschäftigt und was auch nicht immer einfach ist. Aber sowas führt dann natürlich auch wieder dazu, dass man sich an einen Tisch setzt und offen miteinander auch spricht und Dinge klärt.

Martin Hoffmann: Vielen, vielen Dank, Julia.

Julia Birnbaum: Danke dir, Martin.

Martin Hoffmann: Das waren wirklich zwei sehr intensive Gespräche heute. Und ich bin einfach nur froh, dass es Julia wieder gut geht nach all dem, was sie in den letzten Jahren erlebt hat. Und von Mirjam aus dem Gespräch nehme ich mit, dass es wirklich viele Behandlungsansätze gibt, also medikamentös und therapeutisch und sehr viele Anlaufstellen. Wichtig ist aber, dass sobald man irgendwelche Anzeichen spürt, Anzeichene merkt oder auch vielleicht von anderen aus dem Umfeld angesprochen wird, dass man sich direkt Hilfe holt. Wie sieht es denn bei euch eigentlich aus? Hattet ihr schon mal Berührungspunkte mit dem Babyblues oder vielleicht sogar mit der Wochenbettdepression? Und wenn ja, was hat euch geholfen bzw. habt ihr euch Hilfe geholt? Tauscht euch da gerne mal in den Kommentaren aus. In den Shownotes findet ihr Anlaufstellen, wenn ihr das Gefühl habt, Unterstützung zu brauchen oder wenn ihr einfach mal mit jemandem reden möchtet. Danke nochmal an Mirjam und an Julia für die Links. Wenn ihr tiefer eintauchen möchtest in das Thema, dann findet ihr natürlich auch weitere Informationen und hilfreiche Tipps. Wenn euch der Podcast gefällt, gerne abonnieren und teilen. Und wenn ihr Themenvorschläge habt, einfach als Kommentar direkt unter den Podcast posten oder ihr schreibt uns eine Nachricht bei Instagram, @gesundnah und dann einfach per DM an uns. Ich würde mich freuen, wenn ihr auch das nächste Mal wieder dabei seid. Ich bin Martin Hoffmann, wir hören uns.

Outro: GESUNDNAH – der Gesundheits-Podcast der AOK Baden-Württemberg.

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