#24 Brustkrebs: Früh erkennen, schnell handeln

Shownotes

Brustkrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen – doch dank Früherkennung und individuell angepasster Therapien liegt die Heilungsquote heute bei rund 80 Prozent. In dieser Folge des GESUNDNAH-Podcasts spricht Moderator Martin Hoffmann mit Nicoletta Prevete, ehemalige Brustkrebspatientin und Gründerin des Projekts „Sei (d)ein Freund“, sowie mit Dr. med. Dominik Dannehl vom Department für Frauengesundheit am Universitätsklinikum Tübingen über Erfahrungen und Behandlungsmöglichkeiten.

Weitere Informationen:

Hier erfahrt ihr mehr über das Mutmach-Projekt von Nicoletta Prevete: https://seideinfreund.blog/

Ergänzende Informationen zu Brustkrebs gibt es in diesem AOK-Artikel: https://www.aok.de/pk/krebs/brustkrebs/

Mehr über Früherkennungsuntersuchungen lest ihr in diesem AOK-Artikel: https://www.aok.de/pk/leistungen/krebsvorsorge-frueherkennung/brustkrebs/

Umfassende Informationen zu Krebs gibt es auf der Seite des deutschen Krebsforschungszentrum: https://www.krebsinformationsdienst.de/

Mehr zu Brustkrebs findet ihr zudem auf der Seite der Krebsgesellschaft: https://www.krebsgesellschaft.de/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs.html

Der AOK-Curaplan enthält wichtige Informationen zur Behandlung und Nachsorge bei Brustkrebs: https://www.aok.de/pk/leistungen/curaplan-chronische-erkrankungen/behandlung-bei-brustkrebs/

Die AOK Baden-Württemberg stellt bei Krebserkrankungen einen Familiencoach zur Verfügung: https://www.aok.de/pk/leistungen/krebstherapie/familiencoach-krebs/

Eine individuelle Beratung bietet auch der Soziale Dienst der AOK Baden-Württemberg: https://www.aok.de/pk/bw/mensch-sozialer-dienst/

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Transkript anzeigen

Intro: Unterwegs für die Gesundheit. GESUNDNAH - der Podcast der AOK Baden-Württemberg.

Martin Hoffmann: Auf einmal steht die Welt still. Nicoletta Prevete ist gerade in der Mannheimer Fußgängerzone unterwegs, als ihr Handy klingelt. Ihre Ärztin ist dran. Diagnose Brustkrebs. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Das war vor sieben Jahren. Ich bin Martin Hoffmann und in den vergangenen Monaten habe ich viel zum Thema Brustkrebs recherchiert. Die Zahl der Brustkrebspatientinnen ist in den letzten fünf Jahrzehnten insgesamt angestiegen, trotzdem überleben heutzutage prozentual deutlich mehr Frauen als früher. In vielen Köpfen ist die Diagnose Krebs aber immer noch mit dem eigenen Todesurteil fest verbunden, auch wenn das faktisch so nicht stimmt, was eine aktuelle britisch-amerikanische Langzeitstudie gezeigt hat. Gerade beim Brustkrebs hat sich die Diagnostik deutlich verbessert. Durch die therapeutischen Fortschritte wird dieser nämlich sehr viel häufiger in einem frühen Stadium erkannt und kann dann so auch besser behandelt werden. Nicoletta Prevete hat den Krebs besiegt. Vorerst jedenfalls. So ganz sicher kann man sich da ja nie sein. Mit ihr bin ich in Mannheim verabredet. Sie ist Journalistin und Reporterin und arbeitet beim SWR. Ich bin durch Ihren Onlineblog auf Sie aufmerksam geworden - den hat sie während ihrer Erkrankung gestartet. Von Mannheim fahre ich dann weiter nach Tübingen. In der Uniklinik treffe ich Dr. Dominik Dannehl. Er ist Assistenzarzt und arbeitet in der Abteilung für Frauengesundheit. Er kommt gerade aus San Antonio in den USA. Dort war er bei einem internationalen Brustkrebskongress und bringt die neuesten Studien und Erkenntnisse mit. Mit ihm will ich vor allem zu den aktuellen Behandlungsmethoden sprechen und fragen, was man selbst tun kann, um das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, zu senken. Ich bin jetzt grad in Mannheim angekommen und bin jetzt hier im neuen Gebäude vom SWR. Und Nicoletta hat gesagt hoch in den ersten Stock und da sehe ich sie schon. Hallo, Nicoletta.

Nicoletta Prevete: Hallo. Schön, dass ihr da seid. Freut mich.

Martin Hoffmann: Ja, Schön, dass wir hier sein dürfen. 16:30 Uhr. Bist du gerade fertig mit arbeiten, oder?

Nicoletta Prevete: I ch habe für euch aufgehört und hab uns einen schönen Raum hier angemietet, damit wir in Ruhe reden können.

Martin Hoffmann: Super. Dann dahinten. Da ist die Tür offen.

Nicoletta Prevete: Genau, kommt einfach mit.

Martin Hoffmann: Nicoletta. 2017 wurde bei dir Brustkrebs diagnostiziert. Wie kam es denn bei dir zu der Diagnose?

Nicoletta Prevete: Ja, tatsächlich habe ich das ganz klassisch eigentlich selbst ertastet. Leider an meinem eigenen Geburtstag. Und da war das große Aufräumen nach der Party und ich hatte einen Modeschmuck, eine Kette an, die irgendwie eine Allergie erzeugt hat. Und deshalb habe ich während des Geschirrspülens an mir rum gekratzt. Und weil dieser Knoten so prominent wirklich fast am Dekolleté war, also eigentlich schon für mich außerhalb des Brustbereichs habe ich das relativ einfach selbst ertastet, aber bis dann das tatsächlich diagnostiziert wurde, ist leider ein halbes Jahr vergangen, weil man erst mal davon ausging, dass das eine harmlose Sache ist, der man nicht weiter nachgehen muss.

Martin Hoffmann: Okay, welche Größe war das ungefähr?

Nicoletta Prevete: Wie eine Erbse. Also es war wirklich gut abgrenzbar. Abtastbar wie eine Erbse. Hat zunächst auch erst mal gar nicht wehgetan oder gedrückt, sondern wurde eigentlich von mir nur bemerkt, wenn ich wirklich hingegriffen habe. Hat sich aber dann im Laufe der Monate schon verändert, dass es dann angefangen hat halt zu drücken, auch wenn man sich gar nicht darum geschert hat, sozusagen im Ruhezustand. Und dann wurde es für mich auch unangenehm und kritisch, dann habe ich dem Frieden ehrlich gesagt nicht mehr getraut. Da konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass das irgendwas Harmloses ist.

Martin Hoffmann: Wie kann es sein, dass das ein halbes Jahr dauert, für so eine Diagnose?

Nicoletta Prevete: Also es wurde runtergespielt, auch zum Teil wirklich mit schlimmen Sprüchen, muss ich sagen. Also meine Frauenärztin war ganz gewissenhaft, die hat mich sofort ins Brustzentrum geschickt, dass man da nachschaut, dass man selber noch mal ein Ultraschall macht, eine Mammographie. Aber ein MRT wurde mir verweigert von der Radiologin mit den Worten "Ja, wir wollen ja hier keine Kosten verursachen, weil ihnen ein Pickel nach innen gewachsen ist und wir wollen ja mal die Pathologen hier nicht zum Lachen bringen". Ich habe mir dann eine Zweit- und sogar eine Drittmeinung geholt und dann hieß es, man beobachtet das, man schaut alle drei Monate danach. Und als dann im September noch mal eine Sonographie gemacht wurde, ging alles superschnell. Also ich musste wirklich von jetzt auf gleich eine Biopsie überstehen, die ich erst so gar nicht wollte, weil man hat mich regelrecht damit überfallen und man hat richtig gemerkt, wie die Ärzte nervös wurden und dass sie jetzt schnell handeln wollen und müssen. Und das ist echt ein unschöner Verlauf gewesen. Ich bin aber damit nicht alleine. Also ich habe viele Frauen kennengelernt, die ganz ähnliche Geschichten erzählt haben.

Martin Hoffmann: Wie ging es denn dann weiter?

Nicoletta Prevete: Nach dieser Sonographie wurde sofort eine Biopsie, eine Stanzbiopsie, gemacht und am nächsten Tag wurde mir leider, auch das nicht allzu schön, die Diagnose am Handy mitgeteilt. Und dann hat man mir gesagt, dass es eben bösartig ist.

Martin Hoffmann: Am Handy?

Nicoletta Prevete: Am Handy, genau. Ein bösartiger Tumor, wie man in der Biopsie schon erahnen konnte am Vortag. Und ich möge dann am Nachmittag dann eben kommen und man würde alles mit mir besprechen. Und das war halt mittags um zwölf und ich war in der Stadt unterwegs in meiner Mittagspause. Und ja, was soll ich sagen, ich war komplett geschockt, in Tränen aufgelöst, wusste eigentlich nicht mehr ein noch aus und habe da eine gute Freundin angerufen, die dann den Nachmittag ein bisschen mit mir überbrückt hat und mit mir dann auch dahin ist. Später kam dann noch mein Mann dazu, der leider ein bisschen außerhalb arbeitet und auch einfach einen Weg hat, um dann eben dazu zu kommen. Und dann sind wir da eben am Nachmittag hin und haben uns dann das alles angehört. Aber eigentlich ist man wie unter einer Glasglocke. Man ist wirklich geschockt, man hat das Gefühl, die ganze Welt dreht sich weiter, aber man ist kein Teil mehr davon und man ist wie aus der Welt gefallen, eigentlich. Weil Krebs ist so ein großes Wort und man hat natürlich gar keine Ahnung, was jetzt auf einen zukommt, was das eigentlich heißt, welche Behandlungen jetzt auf einen zukommen. Man verbindet damit sofort Tod und glaubt, man müsse gleich mal sein Testament machen. Aber ich glaube, das ist normaler Schockzustand am Anfang. Es ist immer gut, wenn man jemanden mitnimmt, der vielleicht nicht ganz unmittelbar betroffen ist, der auch besser zuhören kann, dann bei solchen Gesprächen, weil man glaubt gar nicht, wie viel man nicht mitbekommt aufgrund seines Zustands und man dann rausgeht und eigentlich ein einziges Fragezeichen ist, weil man irgendwie nur die Hälfte verstanden hat von dem, was einem mitgeteilt wurde.

Martin Hoffmann: Welche Therapien hast du machen müssen oder wurden gemacht?

Nicoletta Prevete: Ja, tatsächlich wurde ich keine drei Wochen später dann operiert. Man hat mir gesagt, das könnte ich durchaus brusterhaltend machen, weil der Knoten nicht so groß sei. Und das habe ich dann auch gemacht, weil wie soll ich sagen, ich glaube, ich habe mich mit der Abnahme der Brust nicht wirklich beschäftigt. Also ich war einfach nur froh, dass man mir gesagt hat, es kann alles Ort und Stelle bleiben. Wir entfernen den Knoten und dann schauen wir mal, ob eine Chemotherapie nötig ist oder nicht. Die Operation selber ist keine große Sache, die habe ich auch gut weggesteckt. Die Zeit danach war schrecklich. Also weil damals gab es den Onkotyp. Das ist ein Test, ein genetischer Test, mit der praktisch die DNA des Krebses ermittelt wird. Das wurde nicht von den Krankenkassen bezahlt. Das ist mittlerweile anders und man hat mir empfohlen, das privat zu bezahlen, das zu veranlassen. Und das Ganze wurde in die USA geschickt. Das heißt also, die Gewebeentnahme wurde in die USA geschickt. Und das Ergebnis, ob ich eine Chemotherapie benötige oder nicht, hat drei Wochen gedauert. Und ich würde sagen, von diesen anderthalb Jahren Therapie waren diese drei Wochen die größte Hölle, die ich durchmachen musste, weil man so viel Kopfkino entwickeln kann, sich so viel Gedanken machen kann. Was kommt da auf mich zu? Meine Kinder waren gerade mal sieben und zwölf, wie soll ich das mit den Kindern machen? Mein Mann, der arbeitet 100 Kilometer entfernt von unserem Wohnort, der ist tagsüber nicht da. Wie soll ich meinen Alltag wuppen? Was bedeutet es überhaupt für mich? Hänge ich, in Anführungszeichen, ständig kotzend über der Kloschüssel? Horror. Einfach nur Horror. Bis dann eben dieses Ergebnis da war. Das war sehr, sehr, sehr anstrengend, muss ich wirklich sagen.

Martin Hoffmann: Wie ging es denn dann weiter? Du hast gesagt, du hast zwei Kinder. Dein Mann arbeitet nicht zu Hause, also kein Homeoffice, sondern 100 Kilometer weg. Wie hast du dein Leben organisiert und welchen Stellenwert hat die Krebserkrankung in diesem ganzen Gebilde da gemacht?

Nicoletta Prevete: Also ich möchte sagen, Kinder haben ist von Vorteil, weil die einen immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen und man muss einfach ein stückweit funktionieren. Ich habe einfach während der Therapie andere Frauen getroffen, da waren die Kinder schon aus dem Haus oder sie hatten vielleicht keine Kinder und da ist man natürlich viel stärker bei sich und ich musste mich einfach zusammenreißen. Also die mussten in die Schule und da musste man aufstehen und die Schulbrote schmieren und die sind Mittags wieder heimgekommen und hatten Hunger und es waren Hausaufgaben zu machen.

Martin Hoffmann: Die geben Struktur, einfach auch.

Nicoletta Prevete: I ch hatte eine Struktur. Das hat mich davon abgehalten, mich ununterbrochen damit zu beschäftigen. Ich habe, weil ein Kind auf alle Fälle noch unter zwölf war, hatte ich Anspruch auf eine Haushaltshilfe während der Chemotherapie, ein gewisses Stundenkontingent. Das habe ich bei meiner Krankenkasse eingereicht. Und dann hatte ich zwei bis dreimal in der Woche Unterstützung im Haushalt, weil mein mich behandelnde Arzt gesagt hat, "Sie werden an manchen Tagen nicht einmal mehr Ihre Wäsche schaffen". Und ich habe den nur angeguckt, ja, als wäre ein Marsmännchen, weil ich war ja 100 % berufstätig. Ich habe mich um zwei Kinder alleine gekümmert, tagsüber. Ich habe mich um ein Haus gekümmert, um meinen Garten. Und dann kommt jemand daher und sagt "Sie werden an manchen Tagen nicht mal die Wäsche schaffen". Das kann sich jemand nicht vorstellen. Also jemand Gesundes, jemand so, ja, ich will mal sagen, ich bin eine recht quirlige Person und immer in Aktion. Ich hielt das für Quatsch.

Martin Hoffmann: Jetzt hast du vorhin gesagt, als du dieses Telefonat hattest und dann Brustkrebs gehört hast. Da geht ja dieser Film los, erst mal, und in dem Film ist auch Tod natürlich, spielt eine große Rolle. Und wenn wir uns die letzten, ich sage es mal Jahrzehnte anschauen, man kann sagen Brustkrebs, also den Schrecken hat es nicht komplett verloren. Aber wir haben natürlich nicht mehr diese Sterblichkeitsraten wie vor 30, 40 Jahren. Trotzdem ist es natürlich immer noch, es ist Krebs und das kann auch ganz, ganz anders ausgehen. Inwiefern war das in deinem Kopf? Also Familienmensch. Familie, zwei Kinder, Mann, Du stehst voll im Leben. Inwiefern war das bei euch auch Thema zu Hause, dass das eigentlich auch anders ausgehen kann? Theoretisch.

Nicoletta Prevete: Es stand ja relativ schnell fest, dass es kein metastasierender Brustkrebs ist. Und solange es in Anführungszeichen nur in der Brust ist, sieht es ja erst mal gut für einen aus. Die Angst, dass es endlich ist, kam tatsächlich erst, nachdem ich alle Therapien hinter mir hatte, weil ich in der Reha in der ersten Reha erfahren habe, dass wenn es jetzt metastasierender Brustkrebs ist, dass man nichts mehr tun kann. Dann gibt es nur noch lebensverlängernde Maßnahmen. Man kann auch relativ lang und auch gut noch damit leben. Aber das ist wirklich endlich.

Martin Hoffmann: Und es ist halt da. Es ist halt permanent da.

Nicoletta Prevete: Und dieses Wissen, möchte ich fast sagen, hat mir Gott sei Dank anderthalb Jahre gefehlt. Ja, also ich bin immer davon ausgegangen, okay, auch wenn‘s woanders jetzt wäre, da geht man dann vielleicht genauso vor, dann macht man auch eine Chemotherapie und wenn es gut geht, dann ist man geheilt. Dass es da keine Heilung gibt, das war mir nicht bewusst. Und so muss ich sagen, dass ich eigentlich jetzt, wo das sieben Jahre her ist, eher Angst habe, dass was wiederkommt und vor allen Dingen an einer anderen Stelle wiederkommt und dass ich ja, dass ich es dann nicht packen werde, ist fast größer als damals, weil man mir ganz klar gesagt hat, sie machen jetzt einfach alles, was zu machen ist, und dann ist das Thema für sie erledigt. Da ich jetzt relativ viele Frauen kennengelernt habe, die dann doch jetzt ein Rezidiv bekommen haben, ich kenne jetzt auch Frauen, die eben metastasierendem Brustkrebs haben, sieht meine Welt ein bisschen anders aus als damals. Damals habe ich es wirklich so wie so eine Aufgabe gesehen, wie so ein Zinnsoldat. Anderthalb Jahre "go for it"...

Martin Hoffmann: Haken dran habe ich geschafft.

Nicoletta Prevete: Und dann weiter geht's. Genau.

Martin Hoffmann: Wie wichtig ist es denn, dass man da jemanden hat, der dich auffängt in so einer Situation?

Nicoletta Prevete: Ich finde das superwichtig. Das Umfeld ist sehr, sehr wichtig. Also das trägt einen. Die Freunde, die Familie, der Partner, die Partnerin. Das ist enorm wichtig. Aber was mir damals nicht bewusst war und da möchte ich auch echt einen Appell sozusagen loswerden: Gerade die engsten Angehörigen brauchen auch Betreuung. Also ich selber hatte eine Psychoonkologin an meiner Seite, mein Mann nicht. Also er sah da jetzt keinen Bedarf. Und natürlich wäre es jetzt einfach mit einem Termin mehr auch verbunden gewesen. Aber ich kann nur allen Angehörigen raten, sich ebenfalls Unterstützung zu holen. Das ist eine schwere Zeit und die Angehörigen haben Angst um einen sehr, sehr viel Angst. Und die brauchen auch wirklich psychologische Unterstützung. Das ist sehr, sehr wichtig für die Angehörigen. Ja, die können das nicht alleine tragen.

Martin Hoffmann: Jetzt hast du vorhin gesagt, ich sage immer, das sind sehr viele Sachen schief gelaufen bei dir, auch gerade was die Diagnose angeht, den Zeitraum da und da, also so ein paar Sachen, wo man sagt, okay, das geht deutlich besser. Also das sollte bei hoffentlich vielen anderen Frauen deutlich besser funktionieren. Was würdest du dir denn wünschen für Brustkrebspatientinnen auf ihrem Weg von Diagnose bis hin zur hoffentlich endgültiger Heilung auch.

Nicoletta Prevete: Also tatsächlich sehr gerne eine erste Broschüre, die man den Patientinnen in die Hand drückt. Ich bin damals zu meiner Krankenkasse gegangen, weil ich dann auch immer sehr kopfgesteuert bin. Sobald ich die Diagnose hatte, bin ich zu meiner damaligen Krankenkasse, hab gesagt so, das ist meine Diagnose, was muss ich beachten? Wo sind die Informationen? Haben Sie Broschüren, die Sie mir geben können, damit ich mal ein bisschen weiß, was das bedeutet, was auf mich zukommt? Und Sie haben gesagt "Sie müssen nichts beachten und wir haben auch nichts für Sie". Und das muss ich sagen, das hat mich echt geschockt, weil ich dann auch in weitere Fallen getappt bin. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass ich meine Perücke nur bei einem Friseur machen durfte, der mit der Krankenkasse also ein Vertrag hat, weil sonst die Kosten nicht übernommen werden. Das hätte man mir freundlicherweise dann in diesem Gespräch ja mal mitteilen können, was man nicht getan hat. Und ich habe gemerkt, in vielen Gesprächen und eben auch selbst, dass sich jede Betroffene von Neuem alle Informationen zusammen fischt und holt und das Internet leer liest. Das kann nicht sein. Ich habe auch zu meiner damaligen Klinik, wo ich zuerst in der Chemo war, dann später habe ich das ambulant gemacht, weil ich nicht zufrieden war, habe ich auch gesagt, wo ist denn hier mal ein Fahrplan? Wo ist denn hier mal ein bisschen Infomaterial, das Sie den Frauen in die Hand drücken? Das kann doch nicht sein, dass jede Betroffene, jede Achte ist betroffen, von vorne anfängt und sich alles zusammensuchen muss, was das eigentlich jetzt für sie bedeutet. Ich kann jetzt nicht sagen, ob es mittlerweile besser ist. Ich weiß zum Beispiel, dass eine Kollegin von mir aufgrund der gleichen Situation ein Buch geschrieben hat während ihrer Erkrankung, um all diese Informationen, die die Frauen brauchen, zu sammeln und in einem informativen Buch zusammenzufassen, weil es ihr nämlich genauso ging. Es gibt ja auch Stellen, an die man sich getrost wenden kann, also Informationsstellen, zum Beispiel von der Deutschen Krebshilfe in Heidelberg. Da kann man anrufen, da kann man am Telefon ganz viel Wissen schon mal sammeln, Literatur. Ich glaube, dass das sehr, sehr wichtig ist, dass man informiert ist.

Martin Hoffmann: Und wir werden auch bei uns in den Shownotes unter dem Podcast werden wir natürlich auch einiges noch mal verlinken, auch einiges, was du gerade gesagt hast, dass da auch, ich sag jetzt mal, dass man leichter auf die Informationen zugreifen kann. Was ich online auch gefunden habe, ist das Projekt "Sei (d)ein Freund" oder sei ein Freund - das "D" ist in Klammern. Was genau hat es damit auf sich?

Nicoletta Prevete: Ich habe mir gedacht, was mache ich jetzt mit der Zeit? Gehe ich jetzt wirklich nur zu Ärzten, zu Therapien und bespaßen meine Kinder? Das bin ich nicht. Was kann ich? Ich kann ganz gut schreiben, also habe ich erst mal so einen privaten Blog entworfen, mal wieder so eine schlaflose Nacht gehabt. Hat man manchmal nach Chemo Therapien morgens um vier an den Rechner gesetzt und habe beschlossen okay, ich blogge jetzt mal so aus meinen, ja aus meiner kleinen Chemo Welt in Anführungszeichen, aber so wie ich halt bin, relativ trocken, mit trockenem Humor und hatte dann so Rubriken wie Ärzte-Bullshit-Bingo, also die blödesten Sprüche, die man mir zum Beispiel an Kopf gedrückt hat von Ärzten und Pfleger und Pflegerinnen. Die blödesten Tipps, die man mir gegeben hat. Man kriegt auch sehr viele ungebetene Tipps, genau. Jemand wollte mir auch irgendwie Hash-Cookies backen, das würde angeblich beruhigen. Also solche Anekdoten habe ich dann halt einfach so zusammengeschrieben. Und ich wollte ganz gerne auch eben ein Fotoprojekt initiieren, weil in der Klinik, in der ich war, hat mich der damalige Arzt in den Keller geschickt während der Behandlung und gesagt, da gibt es eine super Ausstellung, die sollte ich mir mal angucken. Das würde mir bestimmt helfen, psychisch und moralisch. Und die war schrecklich. Diese Ausstellung war so schrecklich. Ich dachte wirklich "Ah ja, okay, das war's".

Martin Hoffmann: Warum schrecklich?

Nicoletta Prevete: Also, das war so, das war so mit so einem, wie soll ich sagen, die hatten halt alle diese Tücher auf dem Kopf und dann so schwarze Ränder unter den Augen. Traurige Texte dazu. Ich dachte, okay, ja, das war's, also mein Ende naht offensichtlich. Offensichtlich bin ich zu blöd, um es zu kapieren, wie schlimm es wirklich ist. Also mir hat das nichts gegeben. Gar nichts. Und das ist mir wieder eingefallen. Und dann dachte ich, das kann man doch irgendwie besser machen. Und es hat wirklich fünf Jahre gedauert, bis ich eine Fotografin gefunden habe, eine People-Fotografin, die eben selbst mal erkrankt war und einen ganz anderen Zugang zu dem Thema hat und die auch gesagt hat "In großer Robe, schön, stark, mutig, Mut machend". So hat auch mal eine Zeitung über uns geschrieben "Mannheimer Mut-Macherinnen". Und ich finde, wir haben supercoole Porträts. Wir sind da sehr, sehr stolz drauf. Und das ist das, was wir eigentlich auch vermitteln wollen. Das ist nicht das Ende. Da muss keiner sein Testament machen. Nicht einmal bei metastasierendem Brustkrebs muss man sofort sein Testament machen. Und die Frauen sind mehr als eine Erkrankung, sind mehr als ihre Narben. Ja, alles noch Leute, die einen Beruf haben, die Partner, Partnerinnen sind, die Kinder haben, die Hobbys haben, Freunde. Also dieses ja auf so eine Krankheit reduziert werden, das will keiner. Das braucht auch keiner.

Martin Hoffmann: Ich habe mir die Bilder angeguckt, als ich muss sagen, es sind wirklich starke Bilder von sehr, sehr starken Frauen. Für mich waren diese Bilder auch so eine Art Bergfest, so eine Etappe geschafft. Und das hat man den Frauen oder sieht man den Frauen auf den Bildern wirklich an. Ganz anders als du diese Fotoausstellung gerade beschreibt, ich glaube das ist das genaue Gegenteil, was ihr da, was sie da hingekriegt hat. Wie würdest du das sagen: Wie geht es dir denn heute? Wie geht es dir jetzt gerade?

Nicoletta Prevete: Gesundheitlich muss ich sagen, habe ich ein paar Kriegsverletzungen mitgenommen. Ich hatte vorher schon eine Autoimmunerkrankung. Und wie eine Krankenschwester so liebreizend mal formuliert hat "Was vorher scheiße war, wird hinterher selten besser". Genau, das war dann tatsächlich bei mir der Fall. Also meine Autoimmunerkrankung hat sich deutlich verstärkt. Also ich bin im Grunde genommen chronisch krank, habe auch einen Schwerbehindertenausweis und bin immer auf Medikamente angewiesen. Ist aus dem rheumatischen Formenkreis, das heißt manche Tage sind halt blöder als andere, was halt den Bewegungsradius auch angeht. Aber auch das kriegt mich nicht klein.

Martin Hoffmann: Hätte ich auch nicht vermutet, muss ich sagen, dass dich so was auch noch kleine kriegt.

Nicoletta Prevete: Nein. Also ich bin 100 % berufstätig und genau, ich wollte auch einfach wieder 100 % in meinen Beruf zurück. Das tut mir auch gut. Seelisch, ja, also jetzt speziell auf die Krankheit bezogen ist das halt manchmal so ein Auf und Ab. Ich habe jetzt zum Beispiel gerade bin ich in einer Phase, wo wieder viele Kontrollen anstehen, da merke ich, da bin ich nervös und mache mir natürlich auch Sorgen und habe auch mal eine halbe Nacht eine schlaflose Nacht. Das kann schon durchaus sein. Aber wenn dann das alles vorbei ist und gut ist, dann versuche ich das auch wieder beiseitezuschieben. Und weiter geht's.

Martin Hoffmann: Nicoletta vielen, vielen Dank dir. Danke schön.

Nicoletta Prevete: Danke dir.

Martin Hoffmann: Ich muss sagen ziemlich heftig. Das hängt mir noch ganz schön nach. War ganz schön emotional. Gerade, dass es auch so lange gedauert hat, bis wirklich eine Diagnose feststand. Und zum Glück hat sich dadurch der Krebs nicht verschlimmert. Und das ist so was wie ein Info-Starterset für Brustkrebspatientinnen anscheinend nicht gibt, ist für mich irgendwie nicht nachvollziehbar. Und ich muss da gleich mal bei Dr. Dannehl nachhaken, wie das so in Tübingen läuft. Es ist jetzt kurz vor 16:00 Uhr und ich bin gerade im Aufzug in der Frauenklinik und fahr hoch in den sechsten Stock. Dominik Dannehl, der nimmt sich vor seiner Nachtschicht noch mal Zeit für mich und gemeinsam mit der AOK Baden-Württemberg arbeitet er außerdem auch noch an einem Forschungsprojekt zur endokrinen Therapie. Und dabei geht es um die medikamentöse Behandlung des Krebses. Und wir treffen uns in der Bibliothek und ich glaube, da vorne wartet er schon auf mich. Dr. Dannehl. Hallo. Hallo.

Dr. Dominik Dannehl: Hallo. Guten Abend, Herr Hoffmann.

Martin Hoffmann: Sie haben gemeint. Bibliothek.

Dr. Dominik Dannehl: Genau. Wollen wir mal rübergehen?

Martin Hoffmann: Ja, sehr, sehr gerne. Dr. Dannehl, Wie entsteht Brustkrebs eigentlich?

Dr. Dominik Dannehl: Oh, das ist eine sehr gute Frage, die man eigentlich schlussendlich noch nicht so wirklich beantworten kann. Brustkrebs ist eine sehr häufige Erkrankung. Sie trifft jede achte Frau statistisch gesehen einmal in ihrem Leben. Und den einen Brustkrebs gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt da ja unterschiedliche Typen. Ungefähr 75 bis 80 % der Frauen haben einen hormonabhängigen Brustkrebs. Wie gesagt, 20 bis 25, die sind nicht hormonabhängig. Und dann gibt es auch noch weitere Marker, die man untersuchen kann, die ich auch eventuell mit Medikamenten angreifen kann. Aber wie der Brustkrebs jetzt tatsächlich entsteht, das ist jetzt nicht so ein sehr lineares Konstrukt, wo ich sage, ich habe diesen einen Auslöser, sondern da gibt es eigentlich viele verschiedene Ursachen. Viele Patientinnen haben eine familiäre Belastung, aber natürlich auch Lifestylefaktoren, also vor allem Alkoholkonsum, Zigarettennkonsum. Adipositas ist ein großer Risikofaktor und natürlich auch verschiedene Belastungen, also Giftstoffe können das natürlich auch immer auslösen. Stress mit Sicherheit auch. Also es ist kein einfaktoriell, sondern eher ein multifaktorielles Geschehen.

Martin Hoffmann: Sie haben jetzt gerade unterschieden hormonabhängiger Brustkrebs und hormonunabhängiger Brustkrebs. Was ist denn hormonabhängiger Brustkrebs? Was ist das?

Dr. Dominik Dannehl: Man weiß, dass einer der größten Treiber für den Brustkrebs, weil das ja auch fast bis zu 80 % der Patientinnen haben, die Hormonrezeptoren sind. Das nennt sich Östrogen und Progesteron, das sind ja auch Hormone, die im weiblichen Zyklus vorkommen. Und bei diesen Tumoren sind diese Rezeptoren auf der Oberfläche einfach vermehrt ausgebildet. Was sind Rezeptoren? Rezeptoren sind quasi Antennen, die auf den Zellen sitzen, wo dann die Hormone, die im Blutkreislauf umherschwirren, andocken können und dann ein Signal weitergegeben wird. Und wenn ein Tumor vermehrt diese Rezeptoren, diese Antennen ausbildet, dann ist die Antwort, die die Zelle auf bestimmte Botenstoffe bekommt, natürlich auch viel, viel intensiver. Und gerade bei diesen hormonabhängigen Brustkrebsen und weiß man, dass diese Rezeptoren deutlich verstärkt ausgebildet werden und dann natürlich auch aufgrund der verstärkten Signalbildung einfach die Krebsentstehung begünstigt wird.

Martin Hoffmann: Und hormonunabhängiger Brustkrebs? Wenn man das mal gegenüberstellt?

Dr. Dominik Dannehl: Also der ist tatsächlich noch nicht so 100-prozentig gut verstanden. Es gibt zwei verschiedene Marker, die man sich noch angucken muss. Das eine ist der epidermale Wachstumsfaktor, das auch im medizinischen HER2, da ist tatsächlich ein Gen, was auch für eine Antenne für so ein Rezeptor kodiert. Und wenn der vermehrt auf der Zelle drauf ist, dann kriegt es die Zellen, Wachstumssignale und proliferiert sehr schnell. Das sind auch deswegen eine der schnell wachsenden Brustkrebsarten, die HER2-positiven Tumoren. Es gibt auch wenige oder Patientinnen, die haben sowohl hormonabhängigen Brustkrebs als auch HER2-abhängigen Brustkrebs. Und dann gibt es dagegen noch die, die haben gar keine Antennen, also die sogenannten triple-negativen Brustkrebse, weil die sowohl Östrogen und Progesteron nicht haben als auch HER2 nicht haben. Und bei denen hat man ganz lange nicht so wirklich was fassen können. Weil wir bei einer Brustkrebstherapie immer versuchen zielgerichtet zu behandeln, gegen den hormonabhängigen Brustkrebs kann ich antihormonelle Therapien geben. Gegen den HER2 gerichteten Brustkrebs kann ich Antikörper Therapien geben, die ganz spezifisch dieses HER2 angreifen. Aber bei Triplenegativen, da ist es ganz schwierig und da hatte man eigentlich bisher immer nur die Chemotherapie. Man hat aber in neuesten Studien in den letzten Jahren herausfinden können, dass diese Tumoren sehr immunogen sind. Das heißt, dass das Immunsystem, wenn wir das auf eine bestimmte Art und Weise aktivieren können, diese Tumoren besonders gut angreifen kann. Und deswegen kann man in den letzten Jahren bei den triple-negativen Tumoren vermehrt die Immuncheckpoint-Inhibitoren, so nennt sich das, eine Antikörpertherapie einsetzen und triple-negative Brustkrebse sind auch vermehrt mit diesen Brustkrebsgenen BRC1 und BRC2 assoziiert.

Martin Hoffmann: Ist die eine Art gefährlicher als die andere?

Dr. Dominik Dannehl: Ja, tatsächlich. Also Triplenegativ, dieser sehr aggressive Typ kommt entweder bei jungen Frauen oder auch bei sehr alten Patientinnen vor. Der hormonabhängige Brustkrebs nimmt zu, je älter die Patientin wird und beim HER2-positiven ist es relativ gleichmäßig verteilt. Und das Spannende ist: Bis vor 20 Jahren war der HER2-abhängige die aggressivste Form. Da haben die Patientinnen dann relativ schnell Metastasierung entwickelt und sind dann leider auch verstorben, relativ zeitnah. Aber durch diese Antikörper, auf die ich ja schon hingewiesen habe, haben wir eine sehr, sehr zielgerichtete Therapie entwickelt, die dann auch ab 2004/ 2005 eingesetzt werden konnte. Und mittlerweile ist das die best zu therapierenste Brustkrebsart. Das heißt die Hoffnung ist immer nicht verloren, sondern intensive medizinische Forschung kann auch zur Identifizierung von guten Zielen führen und kann dann auch das Verhältnis umdrehen, das Tumore, die vorher erst mal richtig schlecht waren, eigentlich dann irgendwann sehr gut zu behandeln sind.

Martin Hoffmann: Martin Hoffmann Das heißt, in den letzten Jahren hat sich da auch noch mal sehr, sehr viel getan, höre ich da ein bisschen raus. Also wie kann man denn einen hormonabhängigen Brustkrebs am besten behandeln?

Dr. Dominik Dannehl: Also generell so ein Therapie-Algorithmus von der Diagnose bis zur dann auch weiteren Therapie findet ja so statt, dass wenn ich eine Brustkrebsdiagnose habe, dass man dann erst mal gucken muss, wie weit ist der Tumor denn überhaupt schon ausgebildet? Das heißt, ich gucke mir die Tumorgröße an, ich gucke mir an, hat der Tumor vielleicht auch schon in die Lymphknoten in der Achselhöhle sich weiterentwickelt, dahin gestreut sozusagen. Das ist ganz wichtig, dass es keine Fernmetastasierung. Bei Streuen redet man ja immer von "Oh, der Tumor hat sich verteilt".

Martin Hoffmann: Hätte ich jetzt auch gedacht, weil ich kenne streuen quasi nur so okay, es ist weiter gewachsen, es gibt mehrere davon.

Dr. Dominik Dannehl: Genau das ist auch ein Risikofaktor. Das heißt, wenn wir Lymphknoten in der Achselhöhle haben, dann wissen wir, das ist jetzt eher ein Zeichen, dass der Tumor im höheren Stadium ist, weil er sich halt schon aus der Brust in die Achselhöhle bewegt hat. Aber das ist jetzt keine Fernmetastasierung, Das heißt, da habe ich noch die Chance, durch eine operative Therapie auch die Lymphknoten mitzuentfernen, die befallen sind und dann auch ja durch dann auch wahrscheinlich noch nicht Chemotherapie, die sich anschließt zu einer Heilung zu kommen und die Therapie, also wir gucken uns erst mal das an, wir machen einen Ultraschall von der Brust. Hier in Tübingen bekommen auch viele Patientinnen Mamma-MRT, das ist noch nicht ganz Standard, aber...

Martin Hoffmann: Was genau ist Mamma-MRT?

Dr. Dominik Dannehl: Eine Magnetresonanztomografie. Das heißt, das ist eine Untersuchung. Es gibt ja zwei verschiedene Röhren die Computertomografie, die mit Strahlung arbeitet, und die Magnetresonanztomografie, die mit einem magnetischen Feld arbeitet. Und man kann mit der Magnetresonanztomografie sehr gut auch sehen, wie weit ist der Tumor ausgebildet? Also Ultraschall, Mammographie, natürlich die Röntgenuntersuchung, also Röntgenbild der Brust und das Mamma-MRT sind Diagnostika, die man einsetzen kann. Und dann würden wir an die OP-Planung gehen. Jetzt ist halt immer die Frage, mache ich eine Chemotherapie vor der OP oder nach der OP? Viele Patientinnen brauchen ja gar keine Chemotherapie. Man sagt ja ungefähr, wenn man sich das statistisch anguckt, 25 bis 30 % der Patientinnen bekommen aktuell eine Chemotherapie.

Martin Hoffmann: Hätte ich auch nicht gedacht. Ich hätte auch gedacht, das ist quasi zwangsläufig, dass dann die Chemotherapie sein muss.

Dr. Dominik Dannehl: Gar nicht. Also wir gucken uns ja verschiedene Risikofaktoren an, die eine Patientin mitbringt. Wenn jetzt zum Beispiel schon die Achsellymphknoten befallen sind, dann machen wir auch immer noch einen Staging. Also das kann entweder einen Röntgen-Thorax sein, also ein Röntgenbild vom Brustkorb und eine Sonographie des Bauches mit der Leber oder auch mittlerweile in vielen Häusern praktiziert, einfach ein CT, wo man also eine Computertomografie, wo man sich dann anschaut, gibt es Fernmetastasen, weil das natürlich ein ganz anderes Behandlungs-Setting ist. Eine Patientin, die eine Fernmetastasierung hat, die profitiert nicht von der Operation, das haben viele Daten gezeigt.

Martin Hoffmann: Das heißt, das dann gestreut ist, schon.

Dr. Dominik Dannehl: Genau Fernmetastasierung heißt gestreut, also richtig gestreut.

Martin Hoffmann: Ja, okay.

Dr. Dominik Dannehl: Also in die Achselhöhle ist nur lokal gestreut, ist nicht so schlimm. Also klar ist es blöd und es deutet darauf hin, dass der Tumor die Brust verlassen hat und wir ein höheres Risikosituation haben. Aber es bedeutet jetzt nicht im Sinne von nicht so schlimm, nicht das Ende des Lebens, weil eine Fernmetastasierung der Erkrankung, also eine echte gestreute Erkrankung in die Knochen, in die Leber, wenn es auch blöd läuft ins Gehirn, das können wir nicht heilen. Also eine lokale Metastasierung, also die Achselhöhle, die Achsellymphknoten betroffen. Das können wir heilen. Eine Fernmetastasierung, das können wir leider nicht heilen. Und da läuft es dann einfach auf ein palliatives Therapiekonzept hinaus.

Martin Hoffmann: Was ist das genau?

Dr. Dominik Dannehl: Palliativ bedeutet erst mal im medizinischen Sinne ich kann es nicht mehr heilen. Ich kann die Patientin nicht mehr gesund machen, was ja viele denken oder wo viele dann denken okay, ich sterbe. Und da muss man sagen ja, sehr wahrscheinlich wird diese Patientin irgendwann an ihrer Krebserkrankung versterben. Das heißt aber nicht, dass sie morgen, in zwei Monaten oder drei Monaten verstirbt, sondern bei Brustkrebs sind wir mittlerweile natürlich immer abhängig vom Subtyp, den ich ja gerade besprochen habe mit den verschiedenen Rezeptoren sind wir in der sehr guten Lage, dass wir viele sehr effektive Therapieoptionen haben, die auch mit einer relativ guten Lebensqualität einhergehen, sodass viele Patientinnen noch mehrere Jahre haben. Das heißt ja, palliativ bedeutet, ich kann nicht mehr heilen, bedeutet aber nicht, dass ich sofort sterbe. Und unser Ziel als Ärztinnen und Ärzte ist auch nicht einfach nur das Leben sinnlos zu verlängern, sondern auch diesem Leben, was man mehr ermöglichen kann, auch ganz viel Qualität zu geben. Und das ist quasi der Sinn diesen palliativen Therapiekonzeptes.

Martin Hoffmann: Jetzt waren Sie in der letzten Woche in San Antonio und in San Antonio gab es ein, ich sage es mal laienhaft, ein Brustkrebskongress. Was haben Sie da mitgebracht?

Dr. Dominik Dannehl: Also San Antonio ist tatsächlich, ich kann Ihnen gar nicht sagen warum, aber da hat sich tatsächlich der weltgrößte Brustkrebskongress hin entwickelt. Es kam dieses Jahr bis über 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Ländern der Welt dahin. Und es werden da auch die verschiedenen neuesten Erkenntnisse berichtet, sowohl von der operativen Seite, von der strahlentherapeutischen Seite und auch von der systemtherapeutischen Seite, das heißt Hormontherapie, Chemotherapie. Und das Spannende ist, dass dort immer die neusten Studien Daten vorgestellt werden. Und aus Deutschland gab es dieses Jahr besonders viele Beiträge, die sehr spannend waren. Eine Studie war die sogenannte Insema-Studie. Da haben Kolleginnen und Kollegen aus Rostock. Ergebnisse vorgestellt, wo man sich Patientinnen angeguckt hat, die eine unauffällige... Also frühes Mammakarzinom, früher Brustkrebs, hormonabhängig, nicht HER2-abhängig und im Ultraschall war die Achselhöhle komplett frei. Das heißt, Ziel der Studie war zu untersuchen: wenn ich keine Lymphknoten in der Achselhöhle auffällig habe, muss ich die überhaupt operieren. Und die Studie hat tatsächlich zeigen können: Nein, nicht in allen Fällen, aber in bestimmten Fällen können wir eigentlich auch darauf verzichten.

Martin Hoffmann: Jetzt haben Sie noch mal unterschieden zwischen Strahlentherapie, Hormontherapie und Chemotherapie. Wie wird entschieden, was genau jetzt eingesetzt wird?

Dr. Dominik Dannehl: Je nachdem, was für ein Stadium ich habe, was für eine Tumorbiologie ich habe, was für ein Rezeptor Status ich habe, wie schnell der Tumor wächst, kann ich dann auch schauen, in welche Richtung es geht. Wir sind momentan immer bestrebt, Brust erhaltend zu operieren, das heißt wenn möglich der Patientin einem ja nicht die Brust zu lassen, weil wir einerseits wissen, es ist für das Wohlbefinden der Patientin besser, wenn sie die Brust erhalten kann. Für die psychische Gesundheit der Patientin ist es besser. Aber tatsächlich ist es heutzutage so, dass eigentlich die Empfehlung ist, eine Brust erhaltende Operation ist immer zwingend mit einer Strahlentherapie vergesellschaftet, weil man einfach nicht immer sagen kann, dass wenn ich die Brust erhalte, dass sich doch alles letztendlich entfernt habe. Und da hilft uns die Strahlentherapie, potenziell übrig gebliebene bösartige Zellen in der Brust zu beseitigen.

Martin Hoffmann: Also noch mal sicherzugehen, dass da wirklich auch dann nichts mehr ist.

Dr. Dominik Dannehl: Bei einer Brustentfernung braucht man das nicht immer. Da ist es ja so, dass die Brust komplett entfernt ist und da kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass da wahrscheinlich keine übrig gebliebenen Zellen mehr sind. Genau das ist halt das, wie man eine Strahlentherapie entscheidet oder nicht. Und auch natürlich, ob Lymphknoten befallen sind oder nicht. Bei der Systemtherapie ist es so: hormonabhängige Tumoren behandle ich mit einer endokrinen Therapie, das heißt einer Tabletten-Therapie. Je nachdem ob die Patientin prämenopausal oder postmenopausal also noch ihren Regelzyklus bekommt oder nicht, hat sie ganz unterschiedliche Hormone, die aktiv sind. Und das müssen wir uns angucken, weil wir wissen, dass bestimmte Medikamente in bestimmten Phasen des Lebens bei Patientin einfach effektiver sind.

Martin Hoffmann: Jetzt habe ich gelesen, dass Sie zusammen mit der AOK Baden-Württemberg auch ein Forschungsprojekt machen zur endokrinen Therapie. Sind das auch so Ergebnisse, die da rausgekommen sind?

Dr. Dominik Dannehl: Ja, also wir haben jetzt keine Effektivitäts-Analysen von Medikamenten gemacht, sondern so ein Krankenkassendatensatz, der ist ja auch limitiert. Wir haben von der AOK Baden-Württemberg knapp 97.000 Datensätze von Patientinnen bekommen, natürlich anonymisiert. Das heißt, ich kann nicht zurückverfolgen, welche Patientin das war, sondern das sind Daten, die uns anonym zur Verfügung gestellt worden sind. Und da konnten wir vor allem Adhärenz-Analysen machen. Das heißt, was ist Adhärenz? Adhärenz ist ein Fachbegriff, der beschreibt, wie regelmäßig eine Patientin Medikamente eigentlich einnimmt. Das ist was ganz, ganz Wichtiges, denn ich kann noch so eine gute Therapie haben. Wenn die Patientin das Medikament nicht einnimmt, weil's vielleicht schlimme Nebenwirkungen macht, dann bringt das nichts. Man weiß, dass diese endokrine Therapie vor allem Wechseljahresbeschwerden macht. Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Stimmungsschwankungen, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen. Das sind so die typischen Nebenwirkungen. Und natürlich auch noch viele mehr, die jetzt ich nicht genannt habe. Und die können so schlimm sein, dass die Patientinnen sagen Hey, ich habe eigentlich darunter gar keine Lebensqualität und dann die Therapie abbrechen. Was machen wir mit diesem AOK-Projekt? Wir konnten uns dadurch halt angucken. Dadurch, dass ich ja die Verschreibungsdaten habe, das heißt ich weiß nicht, welches Rezept Hausarzt oder ein Frauenarzt oder auch Ärztin der Patientin verschrieben hat. Ich weiß aber, welches Rezept die eingelöst haben. Und ich meine, ich kann es nicht mit 100-Prozentiger Sicherheit sagen, aber ich gehe zumindest davon aus, dass wenn eine Patientin regelmäßig ein Rezept einlöst, dass sie die Tabletten dann auch tatsächlich einnimmt. Und das konnten wir analysieren. Schlussendlich waren ungefähr 16.000 Patientinnen, konnten wir identifizieren, wo wir diese Analyse machen konnten und was wir zeigen konnten, ist: Ja, wenn man diese endokrine Therapie zuverlässig einnimmt, das heißt regelmäßig einnimmt im Vergleich zu Patientinnen, die das nicht tun, dann ist das Überleben deutlich länger und auch die Rate an Fernmetastasierung, also ob der Tumor streut, ist deutlich niedriger. Und das in einem Bereich Prozentual gesehen, wo wir tatsächlich sonst nur mit viel teureren, zielgerichteten Therapien hinkommen. Das heißt, wir haben eigentlich schon sehr, sehr effektive Therapieoptionen. Wir müssen halt einfach nur sicherstellen, dass die auch richtig benutzt werden. Und da ist dieses Forschungsprojekt mit der AOK einfach unglaublich wichtig. Und da arbeiten wir auch zusammen daran, dass wir das in den nächsten Jahren vermehrt auch den Kolleginnen und Kollegen näherbringen, dass wir da einfach noch besser werden, dass unsere Patientinnen tatsächlich auch die Medikamente einnehmen, die ihnen eigentlich helfen.

Martin Hoffmann: Also wie wichtig ist, dass man wirklich regelmäßig zur Vorsorge geht, dass auch Brustkrebs wirklich früh erkannt wird?

Dr. Dominik Dannehl: Ja, also das ist superwichtig und wir haben auch tatsächlich zeigen können, dass durch eine gut durchgeführte Vorsorge man Tumorerkrankungen nicht unbedingt verhindert, aber in einem früheren Stadium erkennt.

Martin Hoffmann: Jetzt habe ich von Nicoletta Prevete gehört. Die hat gesagt Na ja, also, als sie die Diagnose bekommen hat, stand sie so ein bisschen alleine da. Sie wusste gar nicht, Was soll ich jetzt machen? Und sie musste sich die ganzen Informationen für die nächsten Jahre, für die Therapiemöglichkeiten, wo sie sich hinwenden soll, vielleicht Selbsthilfegruppen oder so was, muss sich um die selbst zusammensuchen. Wie sieht es denn bei Ihnen aus?

Dr. Dominik Dannehl: Also generell ist es ja so, dass das ein riesiges Problem ist, was wir auch wissen, dass wenn Patientinnen zwischen Versorgungsstrukturen wechseln, dass da einfach auch ganz viel verloren gehen kann. Manche Patienten bekommen die Diagnose Brustkrebs von ihrem niedergelassenen Frauenarzt, der vielleicht auch Brustultraschall und auch Proben entnehmen kann, aber der dann die weitere Therapie nicht machen kann, wo sie dann ans Zentrum überwiesen werden. Manche Patientinnen werden bei der Verdachtsdiagnose ans Zentrum überwiesen und immer, wenn man quasi von einer Versorgungsform in die andere übergeht, dann besteht die Gefahr, dass man irgendwie alleine gelassen wird oder auch gar nicht den Anschluss findet. Und da müssen wir einfach besser werden als gesamtdeutsches Gesundheitssystem. Das zweite ist, was ich aus meiner Erfahrung mit Patientinnen sagen kann, die zu mir dann kommen, wenn wir das erste Mal sprechen, was für eine Krebsdiagnose da vorliegt, wie man weitermachen kann, ob man jetzt operiert, ob man jetzt eine Chemotherapie braucht, was die nächsten Schritte sind. Dann ist es natürlich erst mal eine Hammerdiagnose, die die Patientinnen verarbeiten müssen. Und meine Erfahrung sagt auch, dass viele gar nicht so viel von dem Gespräch mit behalten. Man nimmt sich Zeit und versucht natürlich auch Ängste zu nehmen, im besten Fall, aber wenn man dann nach 45 oder 60 Minuten rausgeht und die Patientin fragt "Was hast du denn jetzt eigentlich mitgenommen?" Ich glaube, dann ist nicht so viel hängengeblieben, einfach weil man natürlich in der Ausnahmesituation ist. Bei uns in Tübingen ist es so, dass wir den Patientinnen quasi eine kleine Mappe mitgeben, wo alle Dinge, also die Basics, drinstehen, sie mitbekommen in einfacher Sprache, wo man das noch mal nachlesen kann. Und es ist auch explizit immer das Angebot mit dabei "Wenn Sie noch mal Fragen haben, zögern Sie nicht. Melden Sie sich bei uns, sprechen Sie uns an."

Martin Hoffmann: Dr. Dannehl, vielen Dank. Unglaublich viel gelernt, mega spannend. Danke.

Dr. Dominik Dannehl: Ja, gerne.

Martin Hoffmann: Umso früher der Brustkrebs erkannt und diagnostiziert wird, desto besser sind auch die Therapiemöglichkeiten. Und der Trend geht hin zur individuellen Medizin, also zu Therapien, die ganz individuell auf jede Patientin und auch auf den Krebs genau abgestimmt werden. Wie sieht es denn eigentlich bei euch aus? Hattet ihr schon mal Berührungspunkte mit dem Thema Brustkrebs? Ich muss sagen, ich finde ja wirklich immer bewundernswert, was medizinisch alles so möglich ist und wie enorm sich die Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahren entwickelt haben. Trotzdem muss man natürlich sagen, es ist und bleibt Krebs und damit nicht zu unterschätzen. Wenn ihr mehr Informationen zu dem Thema haben möchtet oder vielleicht auch Schwierigkeiten habt, die richtigen Ansprechstellen zu finden, dann schaut mal in unsere Shownotes rein. Hier haben wir wie immer einige wichtige Informationen für euch zusammengestellt. Bei Instagram findet ihr uns unter dem @gesundnah und wenn ihr Themenvorschläge oder Fragen habt, immer her damit. Und natürlich freuen wir uns auch über Bewertung. Ihr wisst, wie das läuft: fünf Sterne - deluxe. Wir freuen uns, wenn ihr auch das nächste Mal dabei seid, ist das eine tolle Sache. Ich bin Martin Hoffmann, wir hören uns.

Outro: GESUNDNAH - der Gesundheits-Podcast der AOK Baden-Württemberg.

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